24.09.2023

Wir erinnern uns. Folgende Situation: Teenager und ich in der Shopping Mall, es werden benötigt 5 Pullover, zwei Hosen, eine Übergangsjacke (große Reaktanz!), ein Stapel Longsleeves (ausgeschlossen!). Erster Laden bereits ein Volltreffer, eine schwarze Hose und drei beige Pullover werden gekauft. Kind glücklich. Nächster Laden. Blue Tomato, kenne ich natürlich alles nicht, aber sowohl die Kleidung als auch die generelle Erscheinung des Personals lässt mich nicht verwundert zurück. Wir laufen durch, einer cool, eine verzweifelt, dann sehe ich Longsleeves, die ich wirklich gut finde und sage: „Können wir das Thema Longsleeves noch einmal besprechen?“ Antwort: „Auf keinen Fall, ausgeschlossen. In Longsleeves sehen Arme aus wie Spaghetti.“ Ich hole zum Vernichtungsschlag aus und sage: „In Longsleeves sehen Arme aus, wie sie sind, und wenn man dünn ist, dann halt wie Spaghetti. Aber man braucht Longsleeves.“ Hinter einem Stapel greller Kleidung taucht der Kopf einer Verkäuferin auf, etwa mein Alter, Gesichtstattoo, Halstattoo, Händetattoo, Metall überall und sagt: „Dem gibt es nichts hinzuzufügen, es ist exakt so.“ Wir tauschen einen kleinen, heimlichen Blick aus, sie klettert aus der Kleidung, stellt sich vor Ona und sagt: „Wat brauchse denn?“ Er: „Hoodies, Zipper, Hose.“ Sie mustert ihn einmal und sagt: „Okay. Hose baggy. Aber so, dass die trotzdem nice fittet. Und obenrum richtig fresh, oder?“ Ich drehe mich um und gehe ein Stück zur Seite, ich werde nicht mehr gebraucht. Sie pfeift mich zurück, ein bisschen so, dass ich Angst verspüre, aber das ist gut. Ich ergänze: „Ja genau, Hose baggy, aber bitte nicht vier Nummern zu groß und dann mit dem Gürtel um den Körper binden, das finde ich nicht so gut.“ Sie: „Jaja, das machen alle jetzt, aber das ist doch Mist.“ Sie reißt Onas Shirt hoch. „Dann hat man hier überall so Beulen, und zwischen den Gürtelschnallen“ – sie zuppelt – „quillt das alles so raus, das ist total nicht nice.“ Ich bin begeistert. Wenn ich mitten im Laden das Shirt hochziehe, werde ich standesrechtlich umgebracht. Sie sagt: „Bleib mal hier stehen“ und rennt durch den Laden, guckt ihn immer wieder an, zieht Hosen aus dem Regal und legt ihm dann einen Stapel hin. „Anziehen!“

Er zieht zwei Hosen an, die er okay findet, sie fitten auch, aber sind vermutlich noch nicht fresh genug. Dann kommt eine Hose von irgendeiner Marke mit so einem Sprayer-Emblem, gestickt, das finde ich dann wieder gut, und auch gar nicht so teuer, wie seine Begeisterung vermuten lassen würde. Er zieht sie an und kommt dann aus der Kabine und strahlt. Wie ein Irrer. Die Verkäuferin: „Das ist deine.“ Ich: „Ja, und – Obacht – die fittet auch nice.“ Die Verkäuferin will mir eine Ghettofaust geben, in meiner totalen Euphorie haue ich daneben, wir versuchen es noch mal, ich treffe und bekomme ein Lob. Dann sagt sie: „Patschuli, was?“ und ich sage „In dem Alter Grufti.“ Und ich bekomme eine weitere Ghettofaust. Dann holt sie Hoodies und Crew Necks, ich lerne viel, einen davon kaufen wir, zwei lassen wir zurückhängen, weil unser Vorgehen ja war: Wir gehen in die Läden, die vorab rausgesucht wurden, und wann immer etwas ganz toll ist, nehmen wir es mit, und wenn etwas total toll ist, aber vielleicht gibt es noch etwas viel Tolleres, merken wir uns das einfach und kommen auf dem Rückweg, sollten wir nichts Tolleres finden.

Im nächsten Laden bin ich abgestoßen von den Preisen, ich habe keine Obergrenze definiert, aber für hässliche Dinge möchte ich nur bis zu einem gewissen Betrag ausgeben. Das ist auch kommuniziert, aber plötzlich findet er eine Opa-Übergangsjacke, streichelt verliebt über das beige Fleece und sagt: „Die hab ich in Düsseldorf schon mal gesehen, aber die ist nicht so günstig.“ Ich wittere meine Chance. 95 Euro, okay, aber 10% Rabatt mit Schülerausweis, außerdem ist das die vielleicht einzige Möglichkeit, die ich in diesem Leben kriegen werde, dass mein Kind eine Übergangsjacke trägt. Seine fashion forward Alternative ist T-Shirt bis 12 Grad, dann Daunenjacke, die ich für Wangerooge im Schnee gekauft hatte. Es gibt die Jacke in zwei Farben, Oppabeige und einem sehr schönen Braun. Ich zwinge ihn, die braune anzuziehen, er sieht sehr gut aus, steht ihm fantastisch, dann wende ich mein neu gelerntes Wort an und sage: „Aber die beige findest du fresher?“ und ernte damit ein „Boah Mama sei nicht so peinlich“, dann zieht er die Oppajacke wieder an, ich sage streng „Und wenn wir die kaufen, trägst du die dann auch, oder rennst du wieder bei 20 Grad in der Daunenjacke rum?“, er sagt ja, ich sage okay, und dann fällt er mir um den Hals und küsst mich. In einem coolen Streetwear Laden. Wie so ein Kind.

Dann gingen wir essen, dann noch dies und das und noch ein Pulli und dann bin ich noch bei MAC gegen meinen Willen geschminkt worden, und dann wollte Ona noch zu TK Maxx, da war es voll, dann wollte ich zu TK Maxx und er wollte draußen warten, und eine Minute später wollte ich nicht mehr shoppen und wir fuhren nach Hause.

Auf der Rückfahrt bedankte er sich für die vielen coolen Sachen, fragte noch kurz, ob wir da jetzt immer hinfahren können, ich sagte schon wieder ja, und dann schlief er glücklich ein. Zuhause angekommen beschloss ich, dass wir noch das Spiel Bergischer HC gegen Rhein Neckar Löwen gucken, sprangen in die Bahn, fuhren zur Mitsubishi Electric Halle, trafen dort auf Freunde – wir hatten Plätze im gleichen Block gekauft, und gingen zu unseren Plätzen, um dann zu sehen, dass wir HINTER der Anzeigetafel saßen und folglich exakt das halbe Spielfeld sehen konnten. Und dann kam Juri Knorr im Jogginganzug in die Halle und setzte sich neben die Bank, und dann dachte ich mir, dass ich jetzt, nach 6 Stunden „bummeln“ auch gut auf der Couch hätte gucken können. Aber was soll’s, das Kind hat eine Übergangsjacke. Das kann mir keiner nehmen.

Consent Management Platform von Real Cookie Banner