Herzbruch in Curaçao – Teil 12

Da bin ich wieder, wenn auch widerwillig. Die Rückreise war lang und zäh, ich bin mir selber treu geblieben und habe wie üblich jede Sekunde des Red-Eye-Fluges wach verbracht, und dabei habe ich mich doch extra vorher noch schön müdegespielt.

Nach unserem schönen vorletzten Schnorcheltag hatte ich abends noch beschlossen, dass ich jetzt 10 Tage lang erfolglos Meeresschildkröten gesucht hatte, und das war mir zu unbefriedigend, also wollte ich am Morgen des Abreisetages noch einmal auf Nummer sicher gehen und zum Playa Grandi fahren. Das wollte ich einerseits auslassen, weil dort recht verlässlich morgens Schildkröten sind, weil die Fischer ihre Beute noch auf dem Boot auseinandernehmen und die Abfälle dann wieder ins Meer werfen, das ist ja jetzt nicht der allerschönste Gedanke, andererseits ist das natürlich Quatsch – wer auf Insta unser Video von dem Masbangu-Schwarm gesehen hat, weiß, dass alleine von denen täglich vermutlich mehr tote Fische im Meer rumschwimmen, als die Fischer morgens zurückwerfen, und da störe ich mich ja auch nicht dran. (Das ist übrigens vergleichbar mit Pinkeln im Meer, welches von der Forschung sogar angeregt wird, gute Düngung, und dann ist es ja auch so, dass alle Meeresbewohner die ganze Zeit reinpinkeln, ein einzelner Wal alleine 970 Liter pro Tag, da fällt unser Beitrag wirklich nicht auf, verteilt sich auch recht gut.) Der wichtigere Grund, warum ich nicht an den Playa Grandi wollte, ist, dass die Schildkröten natürlich Touristen anziehen, und die wiederum ziehen Locals an, die da eine Riesenshow abziehen, will ich alles nicht sehen. Wir waren mit zwei winzigen Ausnahmen nur an abgelegenen Stränden ohne Touristenshow, und an Cas Abao und Porto Mari haben wir auch nur kurz geguckt und sind wieder gefahren. Dafür war ich nicht hier.

Egal, ich hatte also beschlossen, dass ich morgens alleine noch einmal nach Westpunt fahren würde, um einen letzten Schuss zu versuchen. Als ich um 8 Uhr wach wurde, konnte ich mir das körperlich nicht gut vorstellen. Es ging mir nicht schlecht, aber ich bin insgesamt etwas klapperig gewesen. Ich bin ein Zigfaches dessen geschwommen, was ich mir hätte vorstellen können. Eigentlich hatte ich mir das sowieso so vorgestellt, dass ich mit etwas Glück vielleicht fünf gute Tage haben würde, bevor Blase oder Bauchkrater mich ins Bett schicken. Dass das nicht der Fall war – ich hatte nur einen Tag Fieber, das ist weniger, als ich zuhause üblicherweise habe, und dann vielleicht noch die kleine Unterzuckerung am vorletzten Tag, alles in allem aber nicht der Rede wert. Ob ich jedenfalls am Mittwoch noch sportliche Höchstleistungen vollbringen könnte, war mir beim Aufwachen nicht klar. Ich entschied also, nicht mehr loszufahren, sondern bis zur Abfahrt um 15 Uhr rumzutrödeln, und drei Minuten später kriegte ich FOMO, wer weiß, wann ich das nächste Mal in der Karibik schnorcheln kann, sprang auf und machte mich fertig. Ich frühstückte brav ein Käsebrot, trank genug Wasser und fuhr los. Westpunt war eine halbe Stunde Fahrt, streckenweise regnete es leicht, ich ließ mich aber nicht aufhalten. Als ich am Playa Grandi ankam, war es etwas bewölkt, ansonsten schön. Ein Reisebus stand auf dem kleinen Parkplatz über der Klippe, zudem parkten gerade mehrere Minibusse, aus denen eine vermutlich südamerikanische Großfamilie ausstieg, die matching T-Shirts trug, auf denen ihr Name stand und irgendsoein Motto wie „man muss die Feste feiern, wie sie fallen“ oder so, nur halt auf Spanisch. Aus einem Minibus stiegen ein paar Teenager aus, die als einzige kein Mottoshirt trugen und sehr genervt guckten, ich fühlte sie.

Das war mir aber alles egal, ich wollte ja nur kurz schwimmen, sollten die Leute doch alle machen, wie sie wollen. Also ging ich in Badekleidung mit Handtuch und Flossentasche die Treppe runter, legte alles an irgendeinen Ort und ging neben dem Holzsteg ins Wasser. Ein Bild des Grauens. Auf dem Steg stand ein lokaler Einheizer mit einer großen Gruppe Amis, auf der von mir gesehen anderen Seite des Stegs waren zig Menschen mit diesen Ganzgesichtsschnorchelmasken im Wasser und ganz hektisch. Der Einheizer warf Fische ins Wasser und brüllte ständig „Don’t touch them, don’t touch them“, und ich ergriff die Flucht. Selbst wenn alle Sea Turtles dieser Erde jetzt gerade dort im hüfttiefen Wasser wären, würde mich nichts weniger reizen, als mich in die Menge zu werfen. Mein Plan war ein anderer: Etwa 100 Meter raus standen die Fischerboote, und ich hatte mir überlegt, einfach dorthin zu schwimmen. Sollten die schon fertig sein mit ihrer Arbeit, müsste es doch trotzdem so sein, dass die Schildkröten entweder in die Bucht rein oder aus der Bucht rausschwimmen, und dann würde ich sie lieber dort treffen, als am Amisteg. Natürlich hatte ich zuhause versprochen, nicht alleine rauszuschwimmen, es war sehr windig mit ordentlicher Strömung raus, ich hatte aber die Idee – ob sie gut war, ist eine andere Frage – dass am Strand so viele Menschen sind, irgendwer würde schon aufmerksam werden im Notfall, und von dem ging ich nicht aus. Ich fiel also wieder darauf rein, dass ich wie ein Fisch in Rekordzeit rausschwimmen konnte, üblicherweise endet das dann in einem anstrengenden Rückweg, aber ich schwamm bis hinter die Fischerboote, sah insgesamt eine ganze Reihe auch großer Fische, die ich bislang noch nicht gesehen hatte, und dann, hinter den Booten, waren sie dann. Schildkröten. Riesengroße. Ich sah erst eine und schwamm kurz mit gebührendem Abstand mit ihr mit, wurde dann fast von ihrem Buddy über den Haufen geschwommen, dann kamen noch drei, eine überrumpelte mich von hinten, und dann schwammen wir alle einfach ein bisschen rum. Das war *sehr* schön. Sehr schön. Eine Followerin auf Mastodon entdeckte neben mir auf einem Video noch einen Stingray, den ich in der ganzen Euphorie nicht gesehen hatte. Aber gut, ich tu niemandem was, mir tut niemand was, das ist ja der Deal. Der Rückweg war vorsichtig gesagt ein bisschen tough, ich bin aber doch nicht abgesoffen, sondern angekommen, hab mir das Handtuch um die Hüfte geschlungen, die Hose ausgezogen und bin – so war das üblich – in dem Zustand wieder gefahren. Auf dem Rückweg bin ich noch sehr beschwingt im Sonnenschein über die Insel gefahren, und seit 1998 habe ich die Angewohnheit, an den ersten Frühlingstagen des Jahres laut Jamiroquai „Corner of the Earth“ zu hören und glücklich Auto zu fahren. So geschah es dann.

Zuhause duschen, packen, rückreisen. Dazu ist nicht so viel zu sagen, außer vielleicht, dass ich in Düsseldorf bei der Hinreise feststellte, dass ich mit Bauchdeckenkatheter viel einfacher reise als ohne, nicht nur muss ich nie aufs Klo, ich werde auch in der Security sehr zuvorkommend behandelt. Der Rückweg war etwas schwieriger. Am Flughafen Curaçao bat man mich, den Katheterbeutel aufs Band zu legen, ich antwortete, dass das nicht möglich sei, da er fest mit mir verbunden ist, dann wechselte die Dame von Niederländisch auf Englisch, da sie dachte, ich hätte sie vielleicht nicht gut verstanden, dann erklärte ich das gleiche auf Englisch, und dann musste ich Shirt hoch Hose runter mitten in der Securityschlange, das war kein sehr schöner Moment. Meine Bauchdecke sieht aus, als sei ich auf eine Tretmine getreten, und insgesamt zeige ich auch ungern Genital in der Öffentlichkeit, ich bin zwar die Hälfte des Urlaubs unten ohne rumgelaufen, aber immerhin hatte ich ein Handtuch um die Hüften 😉

In Amsterdam dann eine ähnliche Situation, dort durfte ich mich jedoch in einer Kabine entkleiden, was insofern problematisch war, dass wir eine short connection hatten und sehr, sehr weit laufen mussten zum nächsten Gate. Der Flug nach Düsseldorf hatte glücklicherweise Verspätung, sonst hätten wir ihn verpasst, wir kamen erst nach ursprünglichem Gate closed an.

Und jetzt würde es theoretisch heißen, sich wachzuhalten, ich habe aber in Minute 5 nach Ankunft schon verloren, bin bislang ein paar Mal eingedöst, wollte jetzt noch diesen Text schreiben, und dann ist ja auch mal gut. Vor 28 Stunden bin ich aufgestanden und anstrengend gereist, ich denke, ich verabschiede mich jetzt mal. Das war Herzbruch in Curaçao, es war ein Fest!

Ich halte fest: Zu denken, dass ich noch der gleiche Mensch sein könnte, der ich vor der ersten Operation war, ist natürlich komplett absurd. Das bin ich nicht, fühlt sich auch gar nicht so an. Das manifestiert sich in vielen kleinen Dingen, und in drei großen, die mir niemals passiert wären, wenn ich gesund geblieben wäre. Eins davon ist Karibik. Ich wäre bis an mein Lebensende mit dem Elektroauto an irgendein europäisches Meer gefahren und hätte mir dort Autoreifen im Meer angesehen. Und ich sag’s, wie es ist: Auch das fand ich in den letzten Jahren immer toll. Karibik war eine Antwort auf Krank, und ich denke, dass ich nicht übertreibe, wenn ich sage, dass ich viele schönste Momente hatte, die ich vermutlich so nur erleben kann, wenn ich eine Stunde lang in türkisem Badewannenwasser hinter einem Schwarm Doktorfische herschwimmen darf.

7 Gedanken zu „Herzbruch in Curaçao – Teil 12“

  1. Voll schön! Freue mich sehr für dich, dass es noch geklappt hat mit den Schildkröten <3. Und Danke das du uns auf deine Reise mitgenommen hast. Und mutig von dir da rauszuschwimmen. Hätte ich mich wahrscheinlich nicht getraut. Beim letzten mal schnorcheln, ca. 1 Stunde auch auf der Suche nach Schildkröten, war ich danach so unterzuckert das ich gefühlt 5 Tage schlechte Laune hatte (Kombination von keine Schildkröte gesehen und schnorcheln ist einfach anstrengend). Liebe Grüße und komm wieder gut im Alltag an.

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    • Ich hab halt auch nix zu verlieren 😂 Nein nein, aber ich schwimme wirklich wie ein Fisch, und irre bin ich auch nicht. Echtes, dummes Risiko bin ich nicht eingegangen. Aber manchmal brauche ich dann halt 5 Minuten hin und 40 zurück 😉

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  2. Ja, manchmal staunt man: bei unserer letzten Reise haben sie als Einzigen den Sohn meiner Freundin „gefilzt“ (und zwar grundlich), der taub ist und das Kabel seines Cochlea-Implantats hing an seinem Kopf herum…..überaus verdächtig! 😳.
    Fine und die Herzgangster haben sich sicherlich über die Rückkehr gefreut 🐶🐺 und schön, dass Ihr das Sommerwetter mitgebracht habt!

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