Herzregen in Kent – Teil 3

Dieser Urlaub ist sehr anstrengend. Ich denke, dass das nur für mich so ist, in den letzten Wochen war ich körperlich sehr angeschlagen und habe die allermeiste Zeit gelegen. Jetzt gerade geht es mir gut, und ich mache ständig Sachen, das aber jeden Tag, das bin ich auch nicht mehr gewöhnt, und ab 20 Uhr möchte ich nur noch ins Bett und mache das auch meistens. Langweilige Sache, aber was will man machen. Gestern morgen habe ich mittellang geschlafen, kam ins Wohnzimmer, wo Herr und Frau N bereits fertig angezogen und abfahrbereit saßen, Herr H war noch in der Tiefschlafphase. Dennoch schafften wir es irgendwie, um 10.17 Uhr im Auto zu sitzen, das Ziel war ein neuer Supermarkt, den wir noch nicht kennen. Ich weiß gar nicht, was hier dieses Jahr los ist. Eigentlich ist der tägliche Supermarktbesuch Aufgabe von Frau N und mir, unsere kleine Insel Quality Time. Dieses Jahr wollen die Männer immer mit, vielleicht haben sie Angst, mich alleine mit dem Auto loszuschicken. Dabei stelle ich fest, dass sich an Tag 4 plötzlich alles etwas normaler anfühlte, beim Abbiegen musste niemand schreien „KLEINE KURVE“ oder „GROSSE KURVE“, je nachdem, auf welcher Straßenseite man landen soll. Was sich nicht verbessert, und das finde ich nur logisch, ist meine körperliche Reaktion auf Fahrzeuge, die von der falschen Seite kommen. Stellen Sie sich das so vor: Ich fahre seit 32 Jahren Auto, und das gerne und viel. Seit 32 Jahren stehe ich beim Linksabbiegen an der Kreuzung, und wenn ich nach rechts gucke, kommt ein Auto auf der von mir weiter entfernten Spur. Jetzt kommt es aber auf der mit näherliegenden Spur, und sofort versetzt mein Körper sich in maximale Alarmbereitschaft. Da aber ja bei jeder Fahrt zu jedem Zeitpunkt alle Autos auf der jeweils falschen Spur kommen, bin ich körperlich halt ständig in maximaler Alarmbereitschaft. Das ist nicht unanstrengend, ich freue mich, wenn ich wieder irgendwo bin, wo ich einfach fahre und mein Körper das nicht konstant als Nahtoderlebnis wertet.

Als wir gestern morgen losfuhren, sah ich plötzlich aus dem Augenwinkel, dass Herr H. auf dem Beifahrersitz betete. Ich denke nicht, dass er zu Gott gefunden hat, aber er argumentierte, dass das ja nicht schaden kann, außerdem sei die Position gemütlich. Ich hoffe sehr, dass Frau N. noch etwas zu dem Thema „Beifahren links“ schreibt, sie hatte gestern den gesamten Tag große Freude an uns als Beifahrer:innen. Herr H. betet, ich scheine – und ich kann das bestätigen, exakt so fühlt es sich an – auf dem Beifahrersitz zu sitzen und zu jedem Zeitpunkt nicht nur in maximaler Alarmbereitschaft zu sein, sondern – so scheint es aus dem Fond zu wirken – mich zudem sekündlich darauf vorzubereiten, ins Lenkrad zu greifen und uns alle zu retten, aber das mache ich natürlich nicht, ich kanalisiere die dazugehörige Bewegung in ganz, ganz kleine, kontrollierte Bewegungen, irgendwo muss die Energie ja hin.

Dazu sei auch gesagt, dass ich zwar schon sehr oft in England war, allerdings nie fahren musste. Mein letzter Besuch in einem Auto war 2010, der Anlass war sehr traurig, mein Schwager war verstorben und wurde in Manchester beerdigt. Da er Militärangehöriger war, organisierte seine Einheit einen großen Transport von Kolleg:innen von Deutschland nach Manchester, und Herr H. und ich durften in einem NATO-Minibus mit 6 anderen Menschen in Uniformen mitfahren. Die Fahrt war sehr unterhaltsam, kann ich mich erinnern, und bis heute sind Herr H. und ich ganz beeindruckt davon, wie praktisch das ist, wenn man mit einem NATO-Fahrzeug durch verschiedene Länder fährt. Der Van war ein Linkslenker, vorne rechts saß der Ranghöchste, keine Ahnung, sagen wir mal Offizier, und an jeder Kontrolle ließ er sein Fenster runter, schob die Ray Ban Pilotenbrille fester auf die Nase und sagte leise und unaufgeregt: „This is a military vehicle“, und in ausnahmslos allen Fällen konnten wir sofort weiterfahren. In den letzten 16 Jahren haben Herr H. und ich bei jeder Passkontrolle, die wir mit dem Auto anfuhren, leise gesagt: „This is a military vehicle“, aber laut haben wir uns noch nicht getraut. Eventuell verrät uns auch das Kennzeichen. Aber zurück zu 2026.

Wir fuhren also gestern morgen zum Supermarkt, ich musste ein Ladegerät kaufen, das hatte ich nämlich vergessen, vorgestern eins gekauft, dann sofort fallen gelassen, ein Nupsi brach ab, und ich musste ein weiteres Ladegerät kaufen. Im Supermarkt überlegten Frau N und ich, ob wir Milch mitnehmen sollen, beschlossen dann, dass wir auf dem Weg zum nächsten Ziel ja zuhause vorbeifahren könnten, und dann fiel der Satz „Wir werden schon nicht aus Versehen in Canterbury landen.“ Eine relevante Straße war allerdings gesperrt und wir landeten auf der Suche nach einem Bäcker in einem kleinen Dorf aus Versehen doch in Canterbury, besprachen dann, dass wir Herrn H. davon überzeugen müssten, nicht für eine Flasche 69p. Milch 10 Kilometer zum Kühlschrank zu fahren, und dann frühstückten wir schlecht (meine Meinung, das mögen Mitreisende anders sehen), dann liefen wir ein wenig rum, das ist in Canterbury schnell geschehen, und dann hakten wir spontan noch einen Punkt ab, der auf unserer Liste stand, und wir fuhren mit einem Punting Boat 100 Meter auf dem Fluss rauf und runter, das war amüsant. Dann besichtigten wir eine Ruine in dem einzigen Küstenort Englands, der kein einziges Hotel hat, so hässlich war der nämlich, stellten dann fest, dass wir alle theoretisch wieder Fish and Chips essen könnten, fanden dort ein Restaurant, waren aber von der allgemeinen Hässlichkeit des Ortes so unbegeistert, dass wir weiterfuhren, fanden zwei Orte weiter eine geeignetere Location, aßen Fish and Chips (für mich die letzten, Fish and Chips und Scones sind fertig), fuhren nach Hause, ich steckte meinen Adapter in die Steckdose und schlief völlig erschöpft ein.

Heute ist es schon 13 Uhr Ortszeit, Herr H ist noch im Schlafanzug, es gibt keinen Plan, und ich habe mich geduscht einfach wieder in den Sessel gesetzt. Vielleicht mache ich ein Mittagsschläfchen.

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