Herzregen in Kent – Teil 2

Heute wäre natürlich Teil 3, aber der gestrige Tag ist irgendwo in der Matrix verschwunden. Alles, was ich noch weiß, ist, dass wir auf einen Campingplatz gefahren sind, um dort Scones zu essen, das war eine bewusste Entscheidung und richtig so. Im Gegensatz zu Fish and Chips kam ich nicht sofort zu dem Ergebnis, dass ich nie wieder Scones essen könne, ich konnte sogar anschließend noch beim Inder essen, das war lecker und schön. Der Rest des Tages ist weg aus meinem Kopf, ich habe bereits einen Grad der Entspannung erreicht, der Erinnerung nicht mehr zulässt.

Heute passierte dann etwas Ungewöhnliches: Ich wachte um 6.30 Uhr auf, überlegte kurz, ob ich aufstehe und dann vier Stunden wartend im Sessel sitze, entschied, erst noch einen Podcast zu hören, und dann war es plötzlich 10 Uhr durch, ich wachte auf, ging hektisch runter und fand die gesamte Reisegruppe geduscht und angezogen im Wohnzimmer vor. Wir sind also quitt. Für heute war geplant: eine kleine Autotour durch die hiesige Pampa, Herr H. ist ja großer Fan von Der Doktor und das liebe Vieh und wollte einmal wie Siegfried Farnon mit dem Auto durch Yorkshire fahren, nun haben wir hier ja nur Kent, Frau N. ließ sich aber eine geeignete Route vorschlagen, und die fuhren wir dann. Dachten wir. Die Straßen hier sind ja in der Regel so, dass man mit einem EQA bequem durchpasst, man muss dann auch nicht über rechts und links nachdenken, es gibt nur Mitte. Wenn ein Auto entgegen kommt, muss man entweder rückwärts fahren oder – meine Lieblingsvariante – stehenbleiben und die Augen zuhalten. Wir fuhren also ein bisschen, ich blieb mehrfach stehen und hielt die Augen zu, bis wir irgendwann an einem Fußballplatz abbogen. An der linken Seite des engen Wegs standen Autos geparkt, ich fand das eine Zumutung, fuhr aber langsam rechts an ihnen vorbei, bis wir nach etwa 6 Autos feststellten, dass dies eine Schlange ist, Menschen fahren Auto, nur, weil links niemand sitzt, heißt das nicht, dass auch niemand fährt. Ganz wichtig. Als ich sehr klein war, fuhr meine Schwester übrigens einen Rechtslenker, und das führte im Straßenverkehr oft zu sehr lustigen Reaktionen, weil es ja immer erstmal so aussah, als würde das Grundschulkind fahren. Egal, zurück zum Text: Ich machte also den Reverse of Shame und fuhr sehr langsam rückwärts an allen Autos, die ich überholt hatte, wieder vorbei, das letzte Auto war eine ältere Frau in einem Kleinwagen. Als ich an ihr vorbeifuhr, sagte ich, dass ich dachte, sie hätten alle geparkt, wir lachten etwas, dann sagte sie irgendwas mit „declare“, was ich nicht ganz mitbekam, und dass es hoffentlich bald weitergehen würde, dann rätselten wir etwa 20 Minuten darüber, was sie wohl gesagt haben könne, man kann hier ja nix verzollen, und dann kam der Grund für den Stau uns entgegen: ein Auto. Sobald das weg war, fuhren wir weiter, dann standen wir wieder 15 Minuten, es kamen nämlich direkt drei Autos hintereinander, und etwa im Minutentakt sagte ich den Satz „Oh, was bin ich froh, dass wir nicht die Autos sind, die entgegenkommen, das wäre bestimmt schrecklich!“ Auf Google Maps sah man übrigens nichts, wir waren auf einem Weg, ja, sonst gab es keinerlei Infrastruktur.

Spannend wurde es, als uns plötzlich ein Lastwagen entgegen kam. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie es jetzt weitergehen könnte, also standen wir erst mal wieder 10 Minuten alle rum. Der Lastwagenfahrer stieg aus, lief ein wenig rum, schien einen Plan zu machen und fuhr dann irgendwann rückwärts, wir alle vorwärts hinterher, und dann verstanden wir den Plan: Alle bogen rechts ab. Auf der Karte gab es kein Rechts, aber 10 Engländer:innen können nicht irren, und es wäre ja auch komplett unmöglich gewesen, geradeaus weiter zu fahren, da stand ja ein Lastwagen. Wir fuhren also hinter allen her. Auf den:

Richtig. Betriebshof. Wir fuhren auf den Betriebshof. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so gelacht habe. Wir wurden auch gar nicht gefragt, was wir wegbringen wollen, offensichtlich wirkten wir wie eine Reisegruppe, die einfach hinter allen her auf den Betriebshof gefahren ist. Zahlen mussten wir zum Glück also auch nichts, we had nothing to declare. Wir fuhren also immer noch laut gröhlend eine Runde über den Betriebshof (Frau N sagt Wertstoffhof, das klingt viel eleganter), reihten uns wieder ein, und mir blieb das Lachen unmittelbar im Halse stecken, als mir auffiel, dass ich jetzt den ganzen Weg in die Gegenrichtung zurückfahren musste. Musste ich dann aber zum Glück gar nicht, der Lastwagen war nämlich weg, wir werden leider niemals herausfinden können, wie er da rausgefahren ist, ich fuhr also rechts, hielt mir dann jedes Mal wieder die Augen zu, wenn jemand mir entgegen kam, und irgendwann waren wir auf einer echten Straße. An dieser Stelle muss ich feststellen, dass sich die Pointe mit dem Betriebshof bei Weitem nicht so lustig transportiert, wie sie in der Realität war, aber gut, reicht, wenn wir gelacht haben.

Dann fuhren wir nach Canterbury, und dort nahm ich mich dann leider selbst aus dem Spiel. Also vermutlich – so hoffe ich – war das bereits morgens passiert, ich habe nämlich vor der Abfahrt drei Tassen Kaffee getrunken. Es gibt Dinge, die ich nicht mehr essen und trinken kann, Kaffee und Sekt/Wein gehören leider dazu. Das verträgt die Blase nicht mehr. Kaffee trinke ich nur noch einen am Tag, nach dem Aufstehen, da hatte ich mich rangetastet, das funktioniert. Sekt trinke ich – so ich denn trinke – auch mehr, muss aber mit sehr viel Wasser strecken. Drei Kaffees waren offensichtlich zu viel, wir hatten gerade viel zu teure Tickets für die Canterbury Cathedral gekauft, als ich merkte, dass ich besser nicht mehr laufe. So setzte ich mich also vor dem Altar auf den Platz (vorne mit roten Kissen waren die Plätze mit Funktionsträgern beschriftet) von irgendeinem Anselm und katheterisierte. Das war recht alternativlos, und wie Frau N. richtigerweise sagte: Gott ist ja selber Schuld. An der Stelle sei eingeschoben, dass ich natürlich weiß, dass hier auch Menschen mitlesen, die eine andere Beziehung zu Gott haben. Ich habe insgesamt ja keine, finde auch, dass das einfach jede:r für sich entscheiden soll, ich versuche also, mich zu Lebzeiten nicht mit Religion zu beschäftigen, und für den Fall, dass ich mich irre und es doch einen Gott gibt, versuche ich, nicht zu viel zu machen, was ihn verärgern könnte. Da habe ich momentan aber keine so guten Track Record. Gestern saß ich ja auch schon in einer Kirche rum, und da dachte ich kurz, ich könnte ja mal kurz mit Gott sprechen, vielleicht ist da ja doch jemand und hört zu, und schaden kann das ja keinesfalls, wenn niemand zuhört, ist es ja, als sei das nie passiert, und dann sprach ich im Kopf los, und der erste Satz war: „HEY DU (Schimpfwort einfügen) GUCK MICH AN WAS HAST DU DIR DA DENN BEI GEDACHT???“, und dann entschied ich, dass ich der Religion lieber fernbleibe. Zurück auf dem Platz von Anselm dann eventuell die Bestrafung für das böse Wort, ich katheterisierte, dabei dann Blasenkrampf, dann Schüttelfrost und die Einsicht, dass ich Fieber habe, und dann saß ich halt ein bisschen rum, bis ich zumindest wieder ein Stück gehen konnte, und eröffnete dem Rest, dass wir jetzt irgendwo einkehren müssten – an der Stelle helfen Medikamente, die ich aber ohne 1,5 Liter Wasser und 3 Scones nicht nehmen kann, also gab es Cream Tea, für mich ohne Tea. Bis zum Auto war es dann auch nicht mehr weit, und aus Interesse habe ich die Reisegruppe sogar noch in den Aldi begleitet. Auch hier gab es mein Lieblingsduschgel. Was für ein tolles Land.

Jetzt sitzen Herr und Frau N. und ich in Laura Ashley Sitzmöbeln und machen Medienzeit, Herr H. steht in der Küche und kocht Bolo. Das ist neu, ich habe ja in den letzten Jahren auf unseren Reisen gekocht, weigere mich aber ja inzwischen. Drücken Sie uns die Daumen.

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