Wenn man schonmal die Logindaten für diese Seite hier hervorgekramt hat, kann man natürlich auch direkt einmal alles sagen, was gesagt werden muss. Vermutlich ist schon viel zu viel gesagt, aber ich habe den Wunsch, einen vielleicht sehr naiven Gedanken zu teilen. Ich habe den auch schon sehr ausführlich geteilt, nämlich am Samstag, als alle Menschen, die eine Reise auf sich nahmen, um mit mir Wein zu trinken, an einem Tisch saßen, es gibt ja kaum bessere Gelegenheiten, einfach mal das Wort zu ergreifen und ein paar steile Thesen zu teilen. An der Mosel ist nichts los, man kann nirgendwo hingehen, also blieben alle sitzen und hörten tapfer zu. Aber meine naive Geschichte nimmt ja ein gutes Ende. Es ist nämlich so.
Früher, also als ich noch gesund war, habe ich mich ja gerne sinnlos mit Politik beschäftigt, gerne habe ich mich über Dinge aufgeregt und das aufgeschrieben. Das ist vorbei. Ich habe keine Ressourcen, mich über irgendetwas aufzuregen, was überhaupt nicht in meinem Einflussbereich liegt, ich nehme nur noch hin, und wenn ich Gefahr laufe, mich aufzuregen, nehme ich auch nicht mehr teil. Erstaunlicherweise ist es ja sogar so, dass die Welt sich nicht im Geringsten geändert hat, als ich von jetzt auf gleich keine Tiraden mehr geschrieben habe – wir haben Friedrich Merz als Bundeskanzler, und wenn ich das richtig sehe, habe ich mich da noch nicht drüber aufgeregt, nur mal so zur Einordnung.
Beruflich muss ich mich seit einiger Zeit wieder hin und wieder mit einem sehr kleinen Ausschnitt der deutschen Politik beschäftigen, nämlich der Gesundheitspolitik. Da gab es ja gerade die „große Reform“, große Reform am Arsch, ich sage Ihnen jetzt mal kurz, was meine Meinung dazu ist, dann hab ich das nämlich auch aus dem System. Ich kann Ihnen das komplette GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz (ich habe das zu sagen gelernt, es evoziert aber immer sofort GKV-Finanzstabilisierungsgesetz, den Vorgänger, der ebenso wenig sinnvoll war) runterbeten, das ist aber eigentlich überflüssig, denn es gibt genau eine Sache, die meines Erachtens reformiert werden müsste, und direkt wäre alles wieder sehr viel schöner: Das jetzige System ist ja so gebaut, dass all die Versicherten, die entweder finanziell sehr gut gestellt sind oder sich in der schützenden Hand des Staates befinden, nicht in das Krankenversicherungs-Solidarsystem einzahlen müssen. Das an sich ist eine Farce. All die Leute, die genug Einkommen haben, dass sie denken, sie haben bessere Leistungen als Lieschen Müller verdient, können einfach entscheiden, sich nicht mehr solidarisch zu verhalten, und solange sie sich nicht beruflich verschlechtern oder einfach älter als 65 werden, haben sie kürzere Wartezeiten bei Ärzt:innen und ein Einzelzimmer im Krankenhaus. An dieser Stelle möchte ich einfügen, dass ich freiwillig gesetzlich versichert bin, weil ich an Solidarsysteme glaube, und dafür 1.300 Euro im Monat bezahle. Ja. Das ginge privat günstiger. An zweiter Stelle möchte ich ergänzen, dass man aber auch im GKV-System nur krank genug werden muss, dann kommt auch immer der Chefarzt und macht alles selbst, und in der Uniklinik kriegt man dann zum Beispiel sogar ein Einzelzimmer neben seinem Büro. Man muss ja auch mal auf der Gewinnerseite sein. Jedenfalls ist es natürlich eine absolut unsinnige Idee, alle finanzkräftigen Menschen aus dem Solidarsystem zu entlassen, um dann – und jetzt werde ich laut – zu sagen: Und die Leute, die so arm sind oder geflüchtet oder was auch immer, für die also der Staat (und das sind wir doch alle?) die Fürsorge übernimmt, die lassen wir komplett aus dem Pool der weniger finanzstarken Versicherten mitfinanzieren, das ist doch super. Nein, ist es nicht, und früher wollte ich ja Bundesbildungsministerin werden, die brauchen wir aber nicht mehr, wir haben ja jetzt KI, das reicht, vielleicht möchte ich jetzt Bundesgesundheitsministerin werden, am besten parteilos, ich würde sogar wieder austreten, dann könnte ich es mir nämlich mit allen verderben, das wäre egal, und fix in einer Legislaturperiode die Teilung in privat und gesetzlich beenden, und dann würden auch wieder alle, die armen und die reichen Leute, für Lieschen Müller, die selber gar nix zahlen kann, mitbezahlen, und wir alle würden vielleicht nur noch so mittellang beim Augenarzt auf einen Termin warten, und Jens Baas von der TK müsste sich nicht immer so aufregen, weil er ja plötzlich wieder genug Geld hat. Wenn es die TK noch gäbe.
Aber darum sollte es ja gar nicht gehen, vielleicht steckte dieser Monolog schon zu lange in meinem Flaschenhals, er musste raus. Gehen sollte es um mein vorgezogenes Geburtstagsgeschenk am Samstag, den Rücktritt von Jens Spahn. Ich habe ja ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Spahn, als Ex-Gesundheitsminister musste ich mich viel mit ihm beschäftigen, und mein Eindruck war insgesamt trübe. Samstagmorgen schrieb ich auf Mastodon, dass mir spontan 10 Gründe einfallen würden, aus denen Spahn zurücktreten sollte, und ein Baby ist keiner davon. Und zack – passiert. Alle reden über Maskendeals, da bin ich sogar etwas milde, weil ich mir vorstellen kann, dass man vielleicht einmal eine dumme Entscheidung trifft, wenn man denkt, dass einem gerade das halbe Land wegstirbt. Ursula von der Leyen hat auch nicht nur kluge Sachen verhandelt, als sie versucht hat, für ganz Europa Impfstoffe einzukaufen. Und dann fuhr Robert Habeck nach Katar – Sie verstehen, worauf ich hinaus will. Dass Spahn dann aber die komplette Maskenlogistik nicht an DB Schenker gegeben hat, sondern ohne Ausschreibung an einen Stammtischbruder aus seinem Wahlkreis, naja, das kann man nicht gut erklären, und eine gute Idee war das auch nicht, zumindest nicht für alle Deutschen minus Spahn und Fiege. Das hat mich damals gekriegt, nicht, dass er Masken zu teuer eingekauft hat. Und dann die Sache mit der Villa, die unfassbar dumme Kommunikation drumrum und die bis heute unbeantwortete Frage, wie jemand eine Immobilie im Wert von 220 Monatsgehältern nicht vollfinanziert, sondern mit 110 Prozent von einer Sparkasse im Westmünsterland finanziert kriegt, dafür gibt es keine Erklärung, die mich überzeugt. Ich habe beizeiten auch sehr, sehr gut verdient, und wenn ich mit der Anfrage zu irgendeiner Bank der Welt gekommen wäre, hätten die dort sehr laut gelacht. Ich bin hier ja nicht im Verschwörungstheorie-Business, aber ich möchte sagen: Das riecht schlecht, und ja, Immobilienkauf ist privat, wenn ich aber Spekulationen über einerseits Vorteilsnahme und andererseits persönlicher Bereicherung durch sagen wir mal Logistikverschacherung Raum gebe, muss ich mir leider die Mühe machen, zu erklären, wie es dazu kam, und wenn ich das nicht mache, laufe ich halt Gefahr, dass 5 Jahre später irgendeine Mutti im Internet sich noch darüber aufregt. In Deutschland sind schon Leute wegen eines Bobbycars aus dem Amt gegangen, damals war die Welt noch in Ordnung.
Deshalb unter anderem war ich also jederzeit der Meinung (die Liste ist länger, aber ich will mich ja hier nicht aufregen, sondern einen optimistischen Text verfassen, ich kriege die Kurve noch!), dass ein Rücktritt mehr als angebracht wäre, dennoch verfestigte sich der Eindruck, dass nur eine Zombieapokalypse den Kanzlerkandidat Spahn 2029 noch verhindern könnte. Oder ein Baby. Und jetzt ist es natürlich so, dass wir alle wissen, dass der Fisch noch nicht gegessen ist, wir werden jetzt in ständiger Angst leben, dass Spahn irgendwann wie ein Untoter aus der letzten Reihe im Bundestag, neben Armin Laschet, wieder hervorgewankt kommt, aber da sage ich dann gerne: We’ll cross that bridge when we come to it.
Die ganze Sache mit der Leihmutterschaft möchte ich eigentlich fast ausklammern. Ich habe jetzt alle Leitmedien dazu gelesen, alle Podcasts gehört, und mir scheint, dass wir es wieder mit einem Thema zu tun haben, das die deutsche Medienwelt nicht gut umrissen kriegt. Ich finde zum Beispiel, dass die Frage, ob jemand sich ein Kind wünscht, völlig unerheblich ist. Natürlich ist es tragisch, wenn man sich ein Kind wünscht und auf herkömmlichem Wege keines bekommen kann. Ich kenne das Thema aus dem eigenen Umfeld, ich würde mir niemals anmaßen, darüber zu urteilen. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Das ist hier nicht der Punkt. Noch viel weniger ist der Punkt, dass Spahns erzwungener Rücktritt jetzt richtig war, weil er sein Baby dank Leihmutter in der Union vorher nicht kommunikativ vorbereitet hat. Geht’s noch? Wir reden hier doch davon, dass er mit Geld etwas kauft, was in Deutschland verboten ist, unter anderem, weil er sich dagegen verhalten hat, und dann macht es doch wirklich gar keinen Unterschied, ob er irgendjemandem im Westmünsterland vorher erklärt hat, dass er einen großen Kinderwunsch hat, oder nicht. Das Ergebnis ist doch exakt das selbe. Daher: Ich freue mich mit Spahn und seinem Mann über das Baby, ich freue mich umso mehr, wenn sie einen großen Kinderwunsch hatten, den sie sich erfüllen konnten, alles gut, Kudos. Das Vorgehen ist aber leider – und hier muss ich doof formulieren – mit den in Deutschland und insbesondere der Truppe, der Spahn federführend angehört, bislang vertretenen Werten (ob das jetzt meine sind oder nicht, ist Nebensache, ich weiß es auch gar nicht genau) nicht im Einklang, und auch wenn er sich nicht strafbar gemacht hat, wählt er einen Weg, deutsches Recht zu umgehen, der reichen Menschen offen steht, wenn sie es wollen. Und das stört mich. Aber auch darum sollte es gar nicht gehen. Ich war nämlich am Samstagabend sehr gut gelaunt, aus vielen Gründen, aber vor allem aus einem, sodass ich irgendwann zum länglichen Monolog anhob. Und der ging ungefähr so.
Wir haben ja alle Angst vor den anstehenden Landtagswahlen, wobei meine persönliche Angst ja noch viel größer ist, wenn ich auf die Bundestagswahl 2029 blicke. Ich hatte ja an mehreren Stellen prophezeiht, dass wir dann in drei Zügen bei Bundeskanzler Kühnert landen, das können wir an dieser Stelle aber getrost abhaken. Zumal ja auch überhaupt gar nicht klar ist, ob es überhaupt noch eine SPD im Bundestag geben wird nach der nächsten Wahl, das müssen wir uns ansehen, wenn es soweit ist. Blieben also die Union, die AfD und die Grünen, die Linke wird eventuell auch 2029 keine Bundeskanzlerin stellen, und das ist auch gut so. Die Grünen hat Söder so sturmreif geschossen, und mit den prominenten Abgängen und der immer wiederkehrenden Dummeheit der Grünen Jugend würde ich mich nicht so weit aus dem Fenster lehnen, dass bis dahin die Bevölkerung irgendwie klüger geworden ist, wir machen ja jetzt sowieso erstmal wieder groß in Fossil und setzen auf die Gasheizung und der Deutschen größte Errungenschaft, den „hocheffizienten Verbrennungsmotor“, und meine Güte, ich kann gar nicht hinsehen. Jedenfalls war meine größte Sorge in den letzten Monaten – ah nein, meine größte Sorge ist mein Bauchraum, aber egal, weiter im Text – dass nach 12 weiteren Vorteilsnahmegeschehnissen Spahn endlich soweit ist, dass niemand mehr verhindern kann, dass er Kanzlerkandidat werden kann, und dann hätte ich mir die absolute Mehrheit der AfD durchaus vorstellen können. Niemand würde Spahn wählen. Nicht mal Menschen aus der CDU. Es hätte ja auch niemand Merz gewählt, wenn die SPD damals nicht heldenhaft und stilbildend vorangegangen wäre und entschieden hätte, statt dem beliebtesten Politiker Deutschlands den unbeliebtesten Politiker Deutschlands kandidieren zu lassen, und naja, das hat halt nicht funktioniert. Dass die Union da irgendwas draus gelernt hat, würde ich gar nicht annehmen. Dann hätten wir also Spahn gegen irgendjemanden von der AfD gehabt, und das hätte mir große Sorgen bereitet. Und wenn Sie bis hierhin durchgehalten haben, kommt jetzt das versöhnliche Ende.
Ich stelle mir das nämlich ganz naiv so vor, dass Spahn jetzt weg ist, dass intern irgendwie verhindert werden kann, dass Markus Söder doch noch mal überlegt, dass sein Platz nicht in Bayern ist, und dann kommen in meinem prätheoretischen Szenario Wüst und Günther auf weißen Pferden am Horizont angeritten, erzählen der Bevölkerung, dass sie gar nicht alt und gar nicht scheiße sind (also vermutlich einer von denen, und vermutlich Wüst, das versöhnliche Szenario funktioniert aber mit beiden), und vor allem erzählen sie der Bevölkerung, dass man mit den Grünen total gut regieren kann, und dann gewinnen sie die Wahl, bauen eine schwarzgrüne Koalition, und meinetwegen dürfen sie auch die Wirtschaftsministerin stellen, die wird dann aber durch den Koalitionspartner andere Ideen eingeflüstert bekommen als „der hocheffiziente Verbrennungsmotor“ als Wundermittel gegen Wirtschaftskrise, und wenn Sie das mal schön zu Ende denken, dann freuen Sie sich bestimmt auch mit Jens Spahn über sein Baby, und dann werden Sie sich vielleicht daran erinnern, wenn in zwei Jahren jemand sagt: „Er ist damals seiner Familie zuliebe zurückgetreten, der Arme“.