Herzregen in Kent – Teil 1

Ich sitze in eines riesengroßen Laura Ashley Sessel inmitten eines sehr liebevoll auf eine Art und Weise, die mir wenig entspricht, dekorierten Wohnzimmers, alle anderen schlafen noch. Oder spielen Schlafen, damit ich nicht mit einer Stunde Vorsprung schon mal in die Planung einsteigen kann, sobald sie sich zu erkennen geben. Ich habe einen Kaffee getrunken, mehr kann ich ja nicht mehr, da muss ich jetzt mit klarkommen, neben mir steht noch ein Skyr, damit ich irgendwie Eiweiß zu mir nehme – mein Ziel ist, täglich mindestens 50% der im gesunden Zustand empfohlenen Proteine zu mir zu nehmen, ich könnte auch nicht tracken, dann würde ich nicht täglich verlieren, aber dann würde ich mich auch nicht mehr bemühen, das Ziel mindestens konstant halb zu erfüllen, Sie sehen, was ich meine. Wo war ich?

Ach ja, in England. Toll hier, und so schön, dass wir doch noch angekommen sind! Der Plan sah gestern in etwa so aus: 6.15 Uhr erreichen Herr und Frau N. Düsseldorf, kommen dann kurz an, wir packen das Auto fertig, und dann greift die von mir vorher ausgegebene Regel: Wer um 6.40 Uhr nicht im Auto sitzt, fährt nicht mit, ich habe gelernt, dass diese Methode etwas besser funktioniert als manch andere. Naja, jedenfalls war um 5.40 Uhr schon klar, dass das nicht stattfinden wird, Familie N. stand auf der A3 in einem Unfall und bewegte sich recht lange nicht. (Immer positiv bleiben: Wie sagte Frau N.: Lieber, wir stehen im Unfall, als wir sind der Unfall.) Die kommende Stunde zog sich elend, irgendwann war klar: Mit dem Schwenk über Düsseldorf wird es nicht klappen, wir versuchen, uns in Aachen zu treffen und dann das Auto N. dort stehen zu lassen.

Das klappte dann im Prinzip, aber ab etwa 6 Uhr war mein Körper in einem Stresszustand, der bis 13 Uhr anhalten sollte, da wir eigentlich um 11 Uhr in Dünkirchen an der Fähre hätten sein sollen, um 13 Uhr schloss der Check-In, und der Rest ist im Prinzip für die weitere Geschichte unwichtig, das ist langweilig, vielleicht erzählt Frau N. das ausführlicher, sie hat ja den größten Teil der Reise verschlafen und muss sich vermutlich auf einige kleine Dinge konzentrieren, aber gut, wir standen halt auch in Unfällen, im Stau, an der Ladesäule, und bis 5 Minuten vorher war es zu jedem Zeitpunkt nicht sehr wahrscheinlich, dass wir noch durch die Kontrolle kommen, und dann wäre das Schiff ohne uns gefahren, und das, naja, egal, langweilig, wir sind ja jetzt da.

Das Haus ist ganz hervorragend. In den letzten zwei Jahren war ich mehr als unzufrieden mit den Unterkünften, 2024 waren wir in der Normandie, das Haus hatte einen eigenen Atlantikstrand und einen großen Garten für Fiene, war aber ranzig, runtergekommen, alle Gegenstände waren eklig, es gab keine gemütlichen Sitzgelegenheiten, es war schrecklich, und das für einen Preis, den man nur mit 2 Sekt noch als happig bezeichnen kann. Letztes Jahr war ich kurz zuvor nach der bislang größten OP aus dem Krankenhaus entlassen worden und konnte außer Liegen eigentlich kaum etwas, wir wählten also den Urlaubsort so, dass ich die Anreise schaffen kann und die Umgebung dann maximal reizarm ist, was uns gelang, man hätte beim besten Willen nichts machen können, aber auch hier war das Haus schrecklich, alles roch unangenehm, war ranzig, etc., für den gleichen Preis, als hätte man einen eigenen Atlantikstrand gehabt, lächerlich. Dieses Jahr wollten wir etwas suchen, das nicht eklig ist, und wo man vielleicht auch etwas machen kann, und das ist uns gelungen. Das Haus ist vielleicht das bislang bestausgestattetste, in dem wir je waren, es gibt sogar Blasenpflaster. Die Umgebung ist reizarm, wenn man auf der falschen Seite kurz Auto gefahren ist, wird es aber sehr unterhaltsam, und jetzt, wo ich es so aufschreibe, möchte ich den Rest mal wecken gehen, das kann ja nicht deren Ernst sein, dass ich hier unter Lebensbedrohung auf der falschen Seite der Straße tagelang hinfahre, und dann müssen sich außer mir alle ausruhen!

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