Also, begeistert bin ich nicht von unserem kleinen Blogging-Contest. In den letzten Jahren haben wir das ja immer mal wieder gemacht, dass Frau N. und ich einander motivierten, täglich etwas zu schreiben. Wirklich geklappt hat das nie, immer hat eine, meist beide, nach einer fulminanten Startphase irgendwelche Ausreden angeführt, warum es gestern leider schon wieder überhaupt nicht möglich war, denken Sie sich hier eine gute Ausrede hin. Ich war deshalb ganz begeistert von dem Gedanken der Cocktailkasse. Ich trinke gerne Cocktails, am liebsten mit Frau N., und wenn das Allerschlechteste, was mir passieren kann, ist, dass ich meinen Cocktail eventuell selber zahlen muss, dann haben wir doch offensichtlich ein gutes Modell gefunden. Jetzt bloggen wir beide brav, wir werden nie mehr Cocktails trinken. Wie kam ich drauf? Weiß nicht mehr, es ist sehr früh. Unverschämtheit, ich würde gerne gemütlich im Bett liegen und mich ausruhen, ich bin aber fertig ausgeruht und habe zudem noch ein wenig Fieber. Die Nacht war nicht so angenehm, ich neige zum Albtraum, wenn ich fiebere. Daher bin ich jetzt im Sessel besser aufgehoben. Kalt ist mir nicht mehr, daher denke ich, ich bin über den Berg, was das nun ist, will ich im Prinzip gar nicht wissen, ich will es nur nicht haben.
Zwei Nächte habe ich in der letzten Woche bei Frau N. verbracht, und wie sie gestern ja schrieb: Sie friert jetzt neuerdings. Das ist für mich so eine unfassbar gute Entwicklung, ich habe kaum Worte dafür. In den letzten 18 Jahren war mir bei ihr schon mal kalt, to say the least. Und im Gegensatz zu ihr trage ich im Winter gerne und viel Wolle. Sie hat verschiedene Erklärmuster, warum sie nach 54 Jahren plötzlich friert, ich warf Hormone in den Raum. Aus eigener Anschauung kann ich sagen: Ich friere wegen der Hormone. Ich habe mein gesamtes Leben bis zur Schwangerschaft nie gefroren. Nie. Oft zitiert mein Bekannter im Studium, der sich einst morgens nach dem Aufwachen von mir und allen Decken freistrampelte und schimpfte, nach meinem Tod müsse man mich in Gorleben zwischenlagern. Ich hatte keine Vorstellung davon, wieviel besser das Leben ist, wenn man friert, statt wenn man dauerhitzig ist. Mit Einsetzen der Schwangerschaft wurde mir kalt, das hat sich bis heute nicht mehr geändert. Ich liebe es. Man kann Kaschmirkleidung kaufen, die sich auf der Haut gut anfühlt und schön wärmt. Generell kann man sich grundsätzlich einfach eine weitere Schicht anziehen, ich verstehe nicht, was mit Frieren das Problem sein sollte. Mehr Raum für schöne Kleidung. Was mich ja interessieren würde, aber das können wir leider nicht mehr rekonstruieren, ist, ob ich zu den Zeiten, als mir immer warm war, auch eine höhere Basistemperatur hatte. Ich habe in den letzten zwei Jahren vermutlich 1.200 mal meine Temperatur gemessen, und schon im ersten Krankenhaus waren immer alle ganz erstaunt, dass meine Normaltemperatur unter 36 Grad liegt. Ab 37 Grad weiß ich, dass irgendwo irgendwas ist, was da nicht sein soll, das ist im Prinzip praktisch zu wissen. Unpraktisch ist – und vielleicht stimmt das gar nicht – dass ich mich immer frage, wie viele Kalorien ich am Tag wohl verbrennen würde, wenn ich auf 37,0 laufen würde, nicht auf 35,7. Wer weiß. Heute Nacht bin ich jedenfalls dreimal aufgestanden und habe ein Duplo gegessen. Ich esse sonst keinen Zucker, es sei denn, ich bin stark unterzuckert. Egal, wo war ich?
Ach ja. Man muss mich als alter Mensch also nicht mehr in Gorleben zwischenlagern, das ist auch gut so, das wäre mir nämlich nicht recht gewesen. Ich habe tatsächlich in den letzten Monaten alles, was mir doch recht ist, geregelt und an den nötigen Stellen kommuniziert. An dieser Stelle möchte ich noch auf die gestrige Apofika-Folge hinweisen, gestern war nämlich „Plan deine Beerdigung-Tag“, und an dem sprach Cornelius Pollmer mit Ricarda Lang, das kann man gut hören. Ich brauche den Tag jedenfalls nicht mehr, ich habe geplant. Im Prinzip geht es grundsätzlich um drei Punkte, die mir wichtig waren: Kleidung zum Beispiel. Ich weiß, was ich tragen möchte, es tut mir leid, alle, die sich Hoffnung auf die schwarz-weißen Fluevogs gemacht haben: Nein. Die gehen mit. An jedem großen Meilenstein meines Lebens nach 2006 hatte ich diese Schuhe an den Füßen, und da ich ja nicht weiß, was mich im nächsten Schritt erwartet, möchte ich vernünftig vorbereitet sein. Der zweite wichtige Punkt ist, dass ich eingeäschert werden möchte. Das liegt daran, dass ich eine leicht klaustrophobische Neigung habe. Der Gedanke, dass ich in voller Länge in einer Kiste liege, treibt mir direkt den Puls hoch. Das möchte ich nicht. Darüberhinaus dachte ich, dass ich keine Wünsche mehr habe. Mein Vater hatte sich gewünscht, dass ein Jazztrompeter am offenen Grab spielt, es war gar nicht so einfach, einen zu organisieren. In der Kapelle hatte damals ich sein Lieblingslied spielen lassen, allerdings vom Band, und das war sowieso die beste Idee. Das ist nämlich Take Five von Dave Brubeck, und es war sehr schön, wie 50 Leute traurig da saßen, dann wippten irgendwann alle mit dem Fuß, und am Ende schnipsten auch Menschen, während seine Urne rausgetragen wurde. Das war schön. Zeigte mir aber auch, dass die begleitende Musik für die Trauergemeinde schön sein muss, nicht für mich, ich bin ja weg, also überlasse ich die Auswahl denen, die sich das hinterher anhören müssen. Alle anderen Faktoren sehe ich ähnlich, die Beerdigung ist für andere Leute. Sollen die sich überlegen, was für sie schön ist.
Ein sehr wichtiger Punkt kam kürzlich allerdings noch hinzu, den hatte ich nicht kommen sehen. Ich war auf einer Beerdigung, und in dem Moment, in dem der Sarg in die Erde hinabgelassen wurde, bekam ich eine Panikattacke. Das wollte ich nicht, auch nicht, wenn ich es nicht mitkriegen werde. Was ich doch will, wusste ich sehr schnell. Der Ort, an dem ich am liebsten auf der Welt bin, ist das Meer. Ich möchte seebestattet werden. Also besprach ich das sofort mit Frau N. und Herrn H., den Stellen, an denen die Informationen gesammelt sind, und wünschte mir eine Seebestattung. Eine einzige Person hat ein Vetorecht, und das ist Jonathan. Wenn der gerne einen physischen Ort hätte, an dem er mich besuchen kann, okay, dann machen wir das so. Ich habe ihm allerdings erklärt, dass Meer den großen Vorteil hat, dass auch er ja leidenschaftlich schwimmt und taucht, und jedes Mal, wenn er im Meer ist, wäre ich da ja auch. Das hat gut für ihn räsoniert.
Jetzt ist es jedenfalls so, dass ich ja die Fluevogs noch für unbestimmte Zeit in freier Wildbahn zu tragen gedenke, es gibt mir aber eine große innere Ruhe, das alles so schön geregelt zu haben. Das Fieber ist niedriger als heute Nacht. Vielleicht müsste ich nur mal noch ein bisschen mehr schlafen.