29.10.2026

Die Dinge überschlagen sich, ich gehe ins Bett. Morgen neu. Die Kaltmamsell will mein Herz brechen, das ist der Mist, wenn man in einem kurzen Moment mal nicht nachdenkt und dann fast 20 Jahre später „Herzbruch“ heißt und nicht „Pempelforter Abrissbirne“ oder irgendwas, womit ich mich viel besser hätte identifizieren können auf der Langstrecke, aber gut, ist jetzt so. Sie fragte mich nämlich, ob ich ihren Mantel in Obhut nehmen möchte, die Größe könnte nämlich doch passen. Mein erster Reflex war der, dass ich dachte, dass eine Frau, die 23 Jahre nach Kauf in einem schwarzen Wildledermantel zu einer Veranstaltung geht, wo Menschen sind, die man selten sieht, also nicht zu so einer Veranstaltung, wo man sich fragt, ob die Schlafanzughose noch geht, mit Mantel drüber würde das bestimmt nicht auffallen, never did that, btw., diese Frau jedenfalls liebt offensichtlich den Mantel genau so sehr, wie ich meinen geliebt habe. Sie hatte sogar schon mehrmals das Futter erneuern lassen. Meins war, ähm, löcherig, wenn ich mich recht erinnere. Ich dankte also sehr und sagte ab, wenn wir uns das nächste Mal sähen, würde ich ihn aber gerne einmal streicheln. Doch die Kaltmamsell blieb hartnäckig und bot an, dass ich ihn für die nächsten Jahre ausleihen könnte. Ich dachte wieder nach, das klang verlockend. Ich bin so gepolt, dass ich immer, wenn ich nicht weiter weiß, erstmal einen Witz mache. Das ist nicht immer gut. Jedenfalls bot ich ihr an, dass ich ihr im Tausch mein Hochzeitskleid geben könnte. Ich hatte eine Art Pfandsituation im Kopf. Sie schrieb:

„Zeig!“ Ja, und das ist die perfekte Überleitung zum letzten Teil der München-Nacherzählung, wir müssen das Thema langsam mal alle verarbeitet haben, egal, wie schön es war. Ich schrieb nämlich zurück, dass ich die Fotos von meiner Hochzeit erst in 10 Jahren bekommen würde. Es gebe irgendwo noch ein Foto, aber da sei das Kleid nicht drauf, wenn ich mich recht erinnere. Ich suchte kurz ein bisschen in meinen 23.000 Fotos auf dem Handy, und fand sie tatsächlich. Klein, schlechte Qualität, aber da. Mein erster Impuls war der Gedanke: Ach guck mal, ich hatte mal einen Hals.

Ich schickte die Bilder, und dann machten wir noch ein paar Gags, ich glaube, wir haben vertagt, ich werde aber irgendwann mal wieder nach München müssen, zur Anprobe. Wie schade, dass ich seit etwa 2020 einen bezahlten Flug nach München, den ich gratis umbuchen konnte und – es war ein beruflicher Termin, den ich dann aus irgendwelchen Gründen, das Datum deutet auf Pandemie, ich weiß es nicht mehr – vor mir hergeschoben habe, ihn dann aber irgendwann vergessen habe, naja, dann war er wohl nicht angetreten. Bis 2024 habe ich, wenn ich mich recht erinnere, ihn immer wieder ein halbes Jahr nach vorne geschoben, wenn er dann anstand, wieder ein halbes Jahr, etc., egal, Lufthansa, tab’s on me.

Dann wollte ich in diesem Blog gucken, was ich damals zu meiner Hochzeit geschrieben habe. Das einzige, was ich – aus irgendeinem Grund hatte ich mal alles auf Privat gestellt, was privat ist – fand, war der Satz aus Oktober 2011: „Hätten Sie mir vor 15 Jahren erzählt, dass ich mal ungeduscht in Adidas Samba heiraten werde, was hätten wir gelacht“. Gut, das war der einzige Tag in den 2000ern, an dem ich aus Zeitnot ungeduscht aus dem Haus gehen musste, Duschzwang bedienen war keine Option mehr, und wenn man nicht geduscht ist, muss man auch keine der 100 Paar Pumps anziehen, so weit, so richtig. Aber das war gar nicht das echte Event, das wurde dann nämlich innerhalb einer Woche noch nachgeschoben, weil die Familien so beleidigt waren, dass wir, die 20 Minuten vor der Trauung gar nicht wussten, dass wir heiraten würden, ihnen keine Party geplant haben. Kleid für die dann zwangsläufig kirchliche Variante wählte ich nach den Kriterien: Kein Hochzeitskleid, ist bis Sonntag da und passt und lässt sich zur Not umfärben und dann künftig als Damenvariante von Freud und Leid funktionieren. Es wurde also ein champagnerfarbenes Etuikleid mit passendem Gehrock. Dass ich das nie umgefärbt habe, war immer klar, aber gut, wenn ich wollte, könnte ich.

Die kirchliche Veranstaltung war dann auch ein bisschen dramatisch, meine Haare machte nämlich Mandy Lotze aus Rostock (Name leicht verändert), zu der ich am Freitag in den Salon ging und besprach, was sie Sonntag machen sollte. Meine Haare waren lang, und ich hatte mir einen Audrey Hepburn Beehive überlegt. „Sprich nicht weiter, ich weiß Bescheid“, ich habe EINMAL gehört und nicht weitergesprochen, und dann saß sie in meinem Wohnzimmer und machte mir die Frisur, die ich trage, wenn ich mein Gesicht wasche. Sie schminkte mich in dezenten Violettönen, und als sie fertig war, sagte die Sandkastenfreundin zu mir: „Reg dich nicht auf, wir machen das alles wieder weg.“ Egal, wo war ich? Ach ja, Herr H. fuhr 30 Minuten vor mir zur Kirche, als ich dort ankam, war er nicht da, dann stand ich – Gottesdienst war für 15 Uhr angesetzt, ab 14.50 Uhr läuteten die Glocken, und ja, richtig, der Kirche auf der Bolkerstraße, das war leider unsere Gemeinde in der Innenstadt, und ich stand dann da 40 Minuten vor der Kirche mit Pfarrer und Trauzeugin, und Herr H. kam nicht. Unser Freund vom WDR fotografierte und filmte die ganze Zeit, ich denke, dass ich mich in 10 Jahren darüber amüsieren werde, dass die japanische Reisegruppe unter Einfluss von Altbier irgendwann vorm Tor La Ola für die verlassene Braut machte. (Herr H. kam dann noch. Seine Schwägerin, Richterin am OLG und ein Mensch, der Dinge regeln kann, hatte einen kleinen Unfall etwa 10 Meter von der Kirche entfernt, er wollte aber als Zeuge bleiben, ohne ihn und Ona, der auch noch getauft werden sollte, würde man ja nicht anfangen. Ja. War so.)

Die Fotos und Videos haben wir tatsächlich bis heute nicht, aber das ist jetzt nicht mehr so dringend. Wer auch keine Bilder hat, sind ja die Rocky-Lesungsleute, und da bin leider ich dran schuld. Ich hatte ja gedacht, dass das gesamte Internet ganz genau weiß, dass ich nicht fotografieren kann. Also ich fotografiere sehr viel, aber nie mit künstlerischem Anspruch. Üblicherweise ist die Motivation so etwas wie „Guck mal, ein Käfer“, und wenn der Käfer auf dem Bild ist, ist alles gut. Als Vanessa mich vor der Lesung fragte, ob ich Fotos machen könnte, sagte ich begeistert zu, nie zuvor hatte ein Mensch mich das je gefragt. Ich werde das künftig besser einordnen und um ein Backup bitten. Dann warf mich noch eine Sache aus der Kurve, nämlich die Erklärung von Frau Klugscheißer bei der Anmoderation, dass bitte niemand Fotos machen solle. Irgendwas ging in meinem Kopf dann durcheinander, also saß ich mittig in der ersten Reihe und versuchte, die ganze Zeit heimlich zwischen den Seilen durch die Szene zu erfassen. Die Ergebnisse habe ich mir nie angesehen, danach war zuviel los.

Auf der Rückfahrt nach Offenbach hielten wir an einem Rastplatz zum Laden. Wir erinnerten uns an die Bilder, ich guckte leicht gestresst und sah dann, dass es 48 davon gab. „48“, sagte Vanessa, „wir brauchen ja nur ein einziges gutes.“ Danach Stille. Lange Stille. Somit sind meine Hochzeit und Rocky die Lesung zwei Veranstaltungen, von denen es keine Fotos gibt. Naja, so ist es manchmal. Wobei – doch, zwei gab es ja, eins teile ich auch. Zur Dokumentation, dass ich mal einen Hals hatte.

4 Gedanken zu „29.10.2026“

  1. Wir hatten damals unseren Eltern im Vorfeld gesagt, dass wir auf einer karibischen Insel heiraten, nur wir zwei, ohne Eltern und Verwandten. Und die hatten damit gar keine Probleme, im Gegenteil, sie fanden die Idee super. Gut, wir haben dann wie geplant für die Verwandten eine (Nach)Feier in einem wunderschönen nahen Schloss gemacht (Schloss Lichtenwalde bei Chemnitz in Sachsen ist definitiv im Frühling und Sommer eine Reise wert) und uns dafür nochmal in den „feinen Zwirn“ geworfen. Doch das Beste war die Gartenparty mit den Freunden anlässlich der Vermählung (und ohne den feinen Zwirn). Und das alles ist überraschender Weise schon etwas mehr als 15 Jahre her. Meine Güte, wie die Zeit vergeht.

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