Ich bin wieder zuhause, und ich bin sehr aufgeregt. Und das kam so.
Dienstagmorgen bin ich nach Leipzig gefahren, um einen Freund, M., zu besuchen. Das war sehr schön, wir hatten uns überlegt, Mittwoch im Bauhaus in Dessau zu verbringen, das wollte ich schon etwa 30 Jahre lang machen, allerdings hatte ich nie Sorge, dass das Bauhaus in irgendeiner Form politisch bedroht sein könnte, 1933 ist vorbei, aber gut, manchmal passieren ja Dinge, die man nicht gewollt hätte, zum Beispiel eine Wahl in Sachsen-Anhalt. Das Bauhaus wird durch eine Stiftung getragen, daher hätte ich jetzt keine Sorge, dass es im Oktober schließen muss, allerdings passieren ja manchmal auch Dinge, die man sich vorher nicht vorstellen konnte, und da komme ich gleich thematisch noch einmal drauf zurück. Vorab muss ich aber noch etwas weiter ausholen, so insgesamt. Ich bin krank, das ist bekannt, und es zeichnet sich auch nicht ab, dass sich das mittelfristig ändert. So, wie es jetzt ist, wäre es zwar okay, kann aber nicht so bleiben, das hat leider keine Zukunft, ich bin aber aus einer komplexen Vielzahl von Dingen derzeit nicht bereit, weiter operiert zu werden, wir müssen das Thema vertagen, wir arbeiten daran. Neulich war es mal sehr knapp, also knapp im Sinne von wirklich knapp, und da habe ich lange mit sehr viel Fieber im Bett gelegen und lange nachgedacht. Ich habe ein gewisses Set an Fähigkeiten, einige davon habe ich bisher käuflich zur Verfügung gestellt, aber wenn man so existenziell mal nachdenkt, kommt jemand wie ich zu dem Ergebnis, dass man sich vielleicht in dieser Lebensphase darauf fokussieren sollte, seine Fähigkeiten – wenn man sie noch abrufen möchte – dem Gemeinwohl zur Verfügung zu stellen. Das Klima kriege ich vermutlich nicht mehr gerettet, zumindest nicht in nächster Zeit, aber das mit der AfD, das liegt mir auch schwer im Magen. Ich kam also zu dem Ergebnis, dass ich gerne etwas gegen die AfD machen wollen würde. Und zwar etwas, was auch etwas bewirken kann, ich bin ja neulich Schöffin geworden, weil ich fand, dass es besser sei, wenn ich das mache als irgendjemand, der moralisch schlechter geeignet ist, und dann habe ich ein demokratisches Wahlplakat vor unserer Kirche gesponsort, vielleicht hat jemand das Konterfei des dort abgebildeten Politikers ansprechend gefunden und den dann gewählt, aber mein Wunsch wäre es, einen größeren Hebel zu bedienen. Als Frau, die beruflich politische Kommunikation macht, gäbe es natürlich viel zu tun, aber ich bin leider erfahren genug, um zu verstehen, dass ich da nichts Sinnvolles machen kann, was naheliegend ist. Wenn ich hier reinschreibe, was ich denke, dann lesen Sie das und finden das manchmal auch gut, und Sie sind auch mehr als 3 Leute, ja, aber ich habe die Vermutung, dass Sie – und jetzt können Sie einmal kritisch in den Spiegel schauen – eine demokratisch wählende Person über 30 sind, wenn nicht, freue ich mich entweder, dass ich auch junge Menschen bespielen kann, und wenn Sie keine demokratisch wählende Person sind, möchte ich Sie bitten, mir eine dm zu schreiben, ich kann Ihnen Dinge erklären. Was ich aber sagen wollte: Ich schreibe hier ja für Leute, die vermutlich auch so nicht AfD wählen würden, wenn ich Ihnen jetzt also in diesem Format erklären würde, was das Problem ist, wenn man einer gesichert rechtsextremen Partei zuviel Macht gibt, naja, dann wären wir alle gelangweilt, Sie wissen das vermutlich. Wo war ich?
Ach ja, im Bauhaus. Ich bin mit dem Freund also nach Dessau gefahren, und wir hatten einmal die Führung im Bauhaus und dann die Führung durch die Meisterhäuser gebucht, die interessierten mich besonders. Beide Führungen machte eine ältere Dame in Docs und schwarzer Kutte aus Berlin, nennen wir sie Ilse. Sie war ganz wunderbar, hatte einst an der UDK studiert, erzählte sehr mitreißend und unterhaltsam, es war sehr schön, wir waren begeistert. Am Ende der ersten Führung wollte sie wissen, ob wir noch Fragen hätten, und irgendein Heinz aus Dresden (wir waren 50 und 53 und die jüngsten Teilnehmer:innen in der Gruppe) fragte vorsichtig, ob Ilse denn Sorge hätte, dass sich am Bauhaus perspektivisch etwas ändert. Ilse verstand nicht auf Anhieb, worauf er hinaus wollte, und er setzte nach, dass ja demnächst zum Beispiel Landtagswahlen seien und es eventuell einen Politikwechsel geben könnte. Nun war Ilse im Thema, und sie hatte da auch schon drüber nachgedacht. Und ihr Ergebnis war: „Nein nein, das können die nicht machen, das wäre zu krass.“
Ich lasse das mal so stehen. Sie argumentierte dann, dass ja ganz viele Dinge in der AfD-Kulturbetrachtung falsch seien, und das sei Grund genug, dass dann da nix durchgesetzt werden könne. Ich neige ja zum professoralen Auftritt, sah aber auch, dass a) die allermeisten Leute betreten auf den Boden guckten, ohne dass ich hätte einschätzen können, was wohl ihre Wahlabsicht sei und b) ich mich ja gerade auf einem Boden befand, auf dem über 40% der Leute AfD wählen wollen, und das können ja nicht nur offensichtliche Nazis sein. M. meinte später, dass rechnerisch ja jede:r 2. AfD-geneigt sein könnte, ich hielt dagegen, dass auf dem Parteitag der Grünen in Sachsen-Anhalt ja nun auch nicht jede:r 2. AfD wählt, aber gut, wir wussten es nicht genau. Dennoch unterbrach ich Elfi, mit dem festen Vorsatz, nicht einen fünfminütigen Monolog zu halten, und sagte, dass das eventuell ein bisschen zu kurz gesprungen sei. Ich referierte etwa zwei Minuten, und dann war auch gut, alle guckten betreten auf den Boden, und die Gruppe löste sich auf.
Wir sprachen anschließend viel über Ilse, darüber, dass Leute, die ganz offensichtlich nicht die AfD wählen wollen, sich eventuell einfach gar nicht vorstellen können, was passieren könnte, allerdings konnten sich – und hier kommt wieder der Vergleich mit 1933 – 1933 die Leute vielleicht auch gar nicht vorstellen, dass bis 1945 6 Millionen Juden ermordet werden, das wäre ja undenkbar.
Ich fuhr also heute wieder nach Hause, war immer noch sehr beschäftigt mit der Frage, was man tun könnte, gut, für die Landtagswahlen kann ich persönlich nichts mehr tun, aber 2029 kommt ja noch die Make-or-Break Bundestagswahl, wenn ich irgendwas tun könnte, was dazu führt, dass 5 Leute weniger AfD wählen, wären das immerhin 5 Leute, und dann bestellte ich beim Thai und erzählte Ona, Sie wissen noch, Beebie Ona von damals, von Ilse und meiner Frage, was man tun könne, und dann sagte der Teenager, der letztes Jahr ja noch einen bundesweiten Aquariumswettbewerb gewonnen hat und bei der Vorstellung seines Beckens nicht vor die Kamera wollte – was natürlich völlig in Ordnung ist: „Wir könnten einen Podcast zusammen machen.“
Ja. Er will einen Podcast machen. Mit Video. Ein alter politikinteressierter Mensch und ein junger politikinteressierter Mensch unterhalten sich über Politik. Er „hat voll Bock“, ich „habe voll Bock“, übermorgen fahre ich mal eine Woche nach England und denke darüber nach. Er will eine Kamera für 10.000 Euro kaufen, ich will das nicht, ich bin mir aber auch sicher, dass das erstmal ohne gehen wird. Aber Bock hätte ich. Ich hoffe, Sie würden das gucken.
Ich würde es gucken.
Deal!
Ich bin ganz Ohr 😉
Ich würde auch gucken.
Natürlich würde ich das hören! (Gucken kann ich nicht versprechen, 10.000€ Kamera wäre an mich verschwendet.)
Ich würde das gucken, bin allerdings nicht in der Zielgruppe. Die Gefahr für das Bauhaus halte ich leider für real. Danke, dass Sie das anpacken wollen!
Ja, ich halte die Gefahr auch für real.
Ich würde auch gucken
LG
Mechthilda
ich würde schauen und hören und weiter verteilen, wäre sehr froh darüber. heute abend in mdr artkultur sah ich einen typ über heimatgerechtes bauen reden, im trachenjanker. ich kann nicht glauben, wie ungeniert sie ihre parolen verbreiten.
Ich bin dabei 👍
Ist Podcast nicht etwas zum Hören? Hören auf jeden Fall.
Falls die AfD an die Regierung werden viele überfordert sein, weil sie keinen Plan haben. Die einzigen Leute, die in der AfD einen Plan haben, sind die Nazis. Die Leute, die früher Kader in der HDJ waren, und ähnlich. Und die werden dann machen. Das wird ganz übel. Es reicht ja, wenn der Innenminister durchsetzt, dass die Polizei die Beobachtung von Rechtsextremisten einstellt und bei Übergriffen gegen linke Jugendzentren keinen übertriebenen Verfolgungseifer zeigt. Die Drecksarbeit machen dann andere.
Wir würden Hören und Gucken anbieten.
Und tatsächlich gibt es schon lange ganz strukturierte Kaderschmieden, in denen Parteimitglieder lange auf zukünftige politische Ämter vorbereitet werden. Ich befürchte aber, dass es das nicht besser macht.