22.07.22

Es ist 1997, ich sitze in meiner Einraumwohnung, das Wort Kemenate hat RD Precht mir für immer kaputtgemacht, daher Einraumwohnung, und schreibe eine Hausarbeit. Ich habe, wenn ich das richtig rekonstruiere, zu diesem Zeitpunkt noch nie eine Hausarbeit geschrieben, und irgendwie war das auch nicht das, wofür ich angetreten war im Studium, ich wollte viel tanzen, und das mit attraktiven jungen Männern, Hausarbeiten hatte ich mir beim Traum vom Studium nie vorgestellt. 1997 bin ich noch ein Mensch, der alleine wohnt und bei dem immer entweder Musik läuft, oder der Fernseher. Ich esse vor dem Fernseher, etwas, das in meinem Elternhaus undenkbar gewesen wäre, ich lese vor dem Fernseher, ich finde es konsequent, dass ich auch vor dem Fernseher meine vermutlich erster Hausarbeit schreibe. Nicht, dass ich jemals wüsste, was da läuft, ich mache ja immer andere Dinge, aber ich finde es schön, im Hintergrund den Fernseher wahrzunehmen, das gibt mir das Gefühl, dass ich etwas Entspanntes mache, statt, naja, eine Hausarbeit zu schreiben.

Irgendwann läuft im Fernsehen Männer auf Fahrrädern. Es geht um nichts, es dauert ewiglange Stunden, jeden Tag, die perfekte Untermalung für eine Hausarbeit in amerikanischer Literaturwissenschaft, die mich fast noch weniger interessiert als Fahrradfahren. Ich lebe in Münster, ich fahre Fahrrad, das ist so, mehr Bezug hatte ich vor 1997 nicht.

Irgendwann gerät Jan Ullrich auf meinen Radar. Ich finde ihn optisch uninteressant, bin aber dennoch schockverliebt, weil ich so absurd anstrengend finde, was er da macht, und ich finde das Ausmaß des Sich-Quälens, wenn sie sich da Kilometer um Kilometer die Berge hochschleppen unfassbar anziehend. Da beißt sich jemand so richtig durch, im Nachhinein werde ich großer Fan von Tyler Hamilton, der sich bei einer Bergankunft mal vor Anstrengung 11 Zähne kaputtgeknirscht hat. Krass. Das muss man sich erst mal vorstellen, wie anstrengend das alles ist.

Ich sehe überhaupt nicht, was Ullrich so anders macht als alle anderen Fahrer, aber da die gesamte Welt sich einig ist, dass es selten jemanden mit so viel Potenzial gab, bin ich halt Fan. Ich verfolge die gesamte Tour, kenne alle anderen Telekomfahrer aus dem FF, weiß irgendwann, wer welche Funktion hat, bin sehr fasziniert von der Jobbeschreibung des Domestiken, das ist auch 1997 schon so weit von meinem persönlichen Antrieb entfernt, dass ich voller Bewunderung bin für Leute, die sich die Zähne vor Anstrengung kaputtbeißen, um anderen Menschen, die viel mehr verdienen und hinterher gefeiert werden, beim Pinkeln zu helfen und Wasser zu holen. Aber vielleicht ist das einfach, wie die Welt eh ist, nur als Sport.

Ich verfolge also alles, Ulle gewinnt die Tour, ich freue mich auf die nächste Tour, dann gucke ich jahrelang jeden Sommer beim Lernen jede einzelne Tour, kann jedes Mal wieder nicht glauben, dass Ullrich nicht gewinnt, beginne Armstrong zu verachten, weil er halt doch immer gewinnt, ich sitze mit Vollkornbrot gebannt vor dem Fernseher, als Ullrich den Hungerast bei Les Deux-Alpes hatte, dann fiel er mal vom Rad, dann gewann er mal was, aber nie die Tour.

Dann starb Pantani, und alle dopten, EPO, und dann noch dieses Fiese mit dem Eigenblut, und dann war das Studium ja auch irgendwann vorbei und ich guckte nur noch dann, wenn ich im Urlaub war. So saß ich also mal in Holland in einem Strandhaus und guckte tagelang die Tour, las dabei die Bücher von Tyler Hamilton, Charly Wegelius und Jens Voigt, in dessen Buch ich nicht gut verstanden habe, wie man das Thema Doping so komplett unberührt lassen kann, man kann ja wenigstens schlecht lügen, aber egal, dann guckte ich mehrere Jahre nicht, und dieses Jahr habe ich die zweite Hälfte geguckt. Nach wie vor finde ich dabei alles total spannend, am schönsten ist aber eigentlich das Gefühl, zuhause in einem sehr komfortablen Bürostuhl zu sitzen, während zur gleichen Zeit andere Leute das Anstrengendste machen müssen, was man so machen kann.

Ich glaube übrigens nicht, dass ich diese Begeisterung der späten 90er noch mal reproduzieren kann. Ich kenne ja niemanden mehr. Ich möchte Ullrich, Zabel, Riis, Aldag, Voigt, Hamilton, Armstrong, Pantani, Jalabert und diese ganzen anderen Leute, da kenne ich mich aus, da bin ich Fan. Was mich vielleicht retten kann, ist meine uneingeschränkte Begeisterung dafür, das Allerletzte aus Mensch und Material rauszuholen, das beeindruckt mich sehr. Dass der Materialwagen beim Zeitfahren etwa 20 Räder auf dem Dach hat, obwohl maximal eins benötigt würde, hat den Grund, dass man damit eine winzigkleine Druckwelle erzeugt, und dann muss der Fahrer vielleicht ein paar Watt weniger treten. Die Beine sind übrigens nicht rasiert, damit man windschnittiger ist, sondern damit man Sturzwunden besser behandeln kann vom Fahrzeug aus. Wussten Sie auch nicht, richtig? Ich weiß das, aber ich weiß nicht mehr viel über amerikanische Literaturwissenschaft.

4 Gedanken zu „22.07.22“

  1. Toll toll toll!
    Ich bin gleich mittendrin.
    Bei mir ging es los mit den olympischen Spielen 1992, ab da jegliche Sportveranstaltungen in den öffentlich-rechtlichen. Noch heute hilft mir diese damalige Obsession bei smalltalk-Momenten weiter.

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  2. Doch, doch, ich wusste das auch!
    1997 wurde mein zweites Kind geboren und ich war Zuhause. Eigentlich lief immer die Tour im Fernsehen und mir ging es ähnlich wie Ihnen. Allerdings habe ich auch einen sportlichen/sportbegeisterten Mann, kann auch sein, dass er mich infiziert hatte. Ich habe dann bei der großen Dopingwelle meine passive Teilnahme an der Tour de France aktiv beendet, weil mich das so frustriert hat. Auch der Selbstmord von Elefantino Pantani hat das nicht besser gemacht.
    Mein Sohn ist heute (warum auch immer?!) wieder ein totaler Fan. Für ihn gab es ja Tour nur mit Doping, er sieht das entspannter („machen ja alle…“). Übrigens studiert er, da hat man für sowas Zeit. Außerdem fährt er selbst aberwitzige Touren mit dem Rad, gerne auch eine Etappe der Tour. Aber zum Glück wundert er sich nicht, dass sein Schnitt hoch zur Planche des belles filles deutlich langsamer ist!
    Ich habe dieses Jahr krankheitsbedingt in den letzten Wochen nicht gearbeitet und ich merke schon, dass es mich wieder faszinierte. Es ist aber auch (Doping hin oder her) ein Kampf die Berge hoch.
    Meine ältere Tochter indessen interessiert sich für Sport null die Bohne.
    Herzliche Grüße von einer erfreuten Leserin,
    Eva

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  3. …..und immer diese wunderbaren Landschaftsbilder aus Frankreich. Und immer der Moment, in dem ch abschalte, wenn diese Irren schreiend und mit Fahnen bewaffnet den Fahrern in den Weg springen – für IHREN kurzen TV-Moment gefährden sie den Sieg ihrer Idole. Wie damals, als Armstrong in den Bügel einer Damenhandtasche einfädelte…
    Aber spannend ist es immer noch 😉

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  4. 1997: ich schaute die Tour auf einen winzigen Fernseher, voller Begeisterung. In dem Jahr zogen wir um und exakt an dem Tag starb Lady Di. Eine Freundin war sehr krank und starb bald darauf.
    Jan Ullrich war ein Held, ein Athlet, wie es selten einen gibt. Vielleicht vergleichbar mit Boris Becker, der aber Weltruhm hatte.
    Wenn solche Helden straucheln, tut es immer besonders weh. Sie sind doch unser Ersatz in Götterhimmel.

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