04.09.2022

Wenn mich mal irgendjemand fragt, was der Unterschied zwischen jung und alt genau war, dann antworte ich einfach mit einem Foto von mir, 19:47 Uhr abends, am Tag nachdem ich lange gefeiert habe. Oder noch nicht mal lang. Und vielleicht noch nicht mal gefeiert. Vielleicht einfach nur ein bisschen länger draußen, ein Glas Champagner mehr als üblich, und dann noch ein bisschen getanzt und gesungen, und dann: Nächsten Tag tot. 1998 war dann am nächsten Tag um 9 Uhr Vorlesung, und ich saß da dann. In Anziehsachen. Ohne gemütlichen Schlafanzug, das einzige, was ich heute an meinem Körper gut ertragen konnte, alles andere machte ihn müde, zum Beispiel die Jeans und das T-Shirt, meine Güte, das war sehr anstrengende Kleidung, es gab sogar einen Knopf, ich muss mich legen.

Sehr belastend alles, Ausgehen im Alter, zumal dann ja direkt wieder Montag ist, und montags ist ja wieder Werktag, und da ist ja sowieso alles sehr belastend. Früher dachte ich, Klausurschreiben sei schlimm. Wir hatten alle keine Ahnung, wie belastend das alles noch werden wird. Wie gut, dass wir jetzt alle wieder entlastet werden, und ich möchte hier ja auch mal überraschen, also finde ich mal was gut: Es wird einen Anschluss an das 9-Euro-Ticket geben, und selbst wenn es vager und vielleichter und noch-ungeklärter kaum sein könnte, kommt man da nicht mehr gut von zurück. Irgendwas wird da jetzt kommen, und vielleicht werde ich das noch nicht mal kaufen, weil ich es gar nicht wirklich brauche: So oder so finde ich jede Form von Verentkomplizierung hervorragend. In meiner Bahncard-100-Phase, ich weiß, Omma erzählt vom Krieg und das auch nicht zum ersten Mal, bin ich ja nie auch nur einen Meter Umweg zum Spaß gefahren, ich war nicht auf Sylt, ich war nicht in Bayern, ich habe also nichts in mir geweckt, was geschlummert hätte, aber dass ich im öffentlichen Personenverkehr nie über irgendwas nachdenken musste und einfach immer alles fahren konnte, war so toll, dass ich jetzt vielleicht ohne Pendeldruck nicht auf die Idee käme, mir für 400 Euro im Monat eine Bahncard zu kaufen, aber bei 49 Euro wäre ich ja vielleicht dabei.

Ich habe mit Ausnahme der zwei Jahre in San Francisco in meinem Leben noch nie kein Auto vor der Türe stehen gehabt, und ich gebe zu, dass der Gedanke mich nicht begeistert. Ich profitiere sehr von dem Gedanken, dass ich jederzeit einfach in ein Auto steigen und wegfahren kann, das gibt mir ein Gefühl von – Obacht – Freiheit. Dass ich jedoch genau gar nicht einfach in mein Auto steigen und wegfahren kann, weil ich im Zweifelsfall morgen eine Deadline habe, oder das Kind irgendwas braucht, oder irgendwelche anderen Leute, oder ich Theaterkarten habe, nun ja, das erzähle ich mir neuerdings immer und immer wieder. Nie war ich näher dran an der Idee, kein Auto zu haben. Ich gebe viel Geld für das Auto, das ich nur sehr selten brauche, aus, ich könnte mit dem Taxi, ach, was rede ich, mit der Stretch-Limo zum Aldi gefahren werden, ich hätte immer noch Geld gespart.

Aber es ist noch ein Schritt, ganz bin ich da noch nicht. Aber ich weiß, dass meine Reise da hingeht. Und das finde ich einerseits schlecht, weil es neu ist, aber er ist ja auch schön, dass ich das zumindest schon mal verstanden habe.

5 Gedanken zu „04.09.2022“

  1. diese gedanken gefallen mir. wir haben unser haus im dorf den enkeln überlassen und sind in eine zentrale, ruhige und schöne mitwohnung in der kleinstadt gezogen. es ist wie in meinem traum: alles zu fuss erreichbar, zum s -bahnhof 5 minuten. und es gibt autos zum mieten, für längere oder für kürzere fahrten. wenn es eilig oder bequemer ist, geht auch ein taxi. alles ist billiger als ein auto.

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  2. Kann die Gedanken sehr gut nachvollziehen. Vor 2,5 Jahren hatte ich mal drei Monate kein Auto und habe es nur selten vermisst, der Alltag (mit Homeoffice) liess sich sehr gut mit Füßen, Fahrrad und (selten) ÖPNV bewältigen. Leider gibt es in meiner Wohnumgebung (Großstadt!) kein Carsharing-Angebot (dafür sämtliche Gehwege mit Anwohnerautos vollgestellt), das wäre absolut eine Alternative.

    Ich warte sehnsüchtig auf den Tag, an dem ich per App ein autonomes Fahrzeug bestellen kann, das in 3 Minuten vor mir steht und mich einfach dahinbringt wo ich will 🙂
    (Taxi für mich schlecht, weil dauert ewig bis da, Gespräch, Trinkgeldgehampel)

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  3. Ich glaube, es gibt noch nicht so viele Cambio Stationen in D’dorf, ich nutze es seit vielen Jahren und kann es sehr empfehlen,man hat Zugriff auf viele verschiedene Wagenklassen nach Bedarf (Urlaub, Transport etc.).

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  4. Ich hatte erst mit 30 das erste Auto, danach konnte ich mir den Verzicht nur so schlecht vorstellen, dass ich dann später dafür einen 10-Jahres-Plan entwickelt hatte. Ich bin selbst physisch und vielleich auch psychisch recht immobil. Der erste Schritt war e-bike kaufen (early adopter), dann keine Alltagswege mehr mit Auto machen; dann 3 Jahre lang das Auto jedesmal vom ADAC starten lassen müssen, wenn ich mal zum Wertstoffhof wollte, weil die Batterie wegen Nie-fahren immer tiefentladen war; dann einsehen, dass es wohl eine emotionale Hürde war; und das Gefühl des „Nicht-Hergeben-Wollens-Weil-Es-Ist-Meins-Und-Steht-Für-Schöne-Sachen-Machen“ einfach überschrieben mit einem anderen Gefühl: ich hab es einfach nach 7 Jahren statt 10 Jahren für 50 € an ein „Flutopfer“ verkauft. Das war dann ganz leicht.
    Mutti (jetzt 86) zum Verzicht auf ihr Auto bewegen: ein Höllenkraftakt über 5 Jahre, ging nur langsam und zäh, zäh, den Ausschlag gab in diesem Jahr, dass sie es dem Enkel schenken konnte, weil er es für einige Monate während des Studiums brauchte. –> emotionales framing ist wichtig!

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