06.09.2022

Meine Aufgabenlast ist derzeit – Pause, ernst gucken, tief Luft holen – wuchtig.

Wuchtig ist ein sehr gutes Wort, ich habe ja mal gehört, dass es Menschen gibt, die Politikern sagen, welche Wörter sie benutzen sollen, damit alles gut ausgeht, und die haben sich jetzt also wuchtig überlegt, und ja, es ist ein schönes Wort, da kann man nix sagen. Bazooka war ja schon benutzt und ist vielleicht in einem Kriegskontext auch gar nicht so elegant, außerdem merke ich gerade, dass ich immer noch nicht weiß, wie man Bazuka schreibt, Sie wissen ja, was ich meine, und Wumms war auch schon durch, Olaf Scholz ist ja jemand, der führt, wenn es bestellt wird, das macht man natürlich mit Wumms und auch mal mit dem großen Geschütz, es sei denn, man muss die Folgen eines brutalen Krieges abfedern, dann, naja, dann kann man wuchtig sagen, es ist ein schönes Wort. Schön auch, wenn der Finanzminister das Bild weitermalt und sich aus den Verhandlungen immer wieder selbst zitieren lässt mit einer „Lawine, die auf uns zurollt“, ja, wenn man der dann etwas entgegenhält, was wuchtig ist, dann ist das doch insgesamt sehr tröstlich. Lawinen sind ja auch wuchtig, aber das Entlastungspaket ist auch wuchtig, und vielleicht wird nicht alles immer gut ausgehen, aber wir haben wenigstens auch was Wuchtiges.

Ähm, Moment, Entlastungspaket? Heute Morgen, als ich mir in wirklich aller Herrgottsfrühe 15 Minuten Medienzeit erlaubte – ich erwähnte ja, dass die momentane Aufgabenlast sehr wuchtig ist, eigentlich eine Lawine an Aufgaben, da kann man nicht noch die ganze Zeit Zeitung lesen – bin ich aus Versehen in so einem neoliberalen Schmierpapier gelandet, wo ganz laut geklagt wurde, dass die Entlastungen nicht wirklich fair sind, in all ihrer Wuchtigkeit, da sie die mittleren und höheren Einkommensklassen ja gar nicht so sehr entlaste, wie gemein. Jetzt wollen wir nicht alle wieder einstimmen in das Geseier von Tankrabatten für Porschefahrer und Pauschalzahlungen für Millionäre, ist doch egal, können wir ja nix dran machen, ist jetzt so, und im Prinzip ist es ja richtig, dass es billiger ist, dann auch mal 300 Euro zuviel zu zahlen als 100 Milliarden Verwaltungskosten, jaja, alles gut, aber wieso hört die Diskussion denn nicht auf, dass es doch gar nicht fair ist, wenn nur die ärmeren Menschen entlastet werden? Ich verrate es Ihnen.

Weil Entlastung ja bei allen Menschen möglich und erwünscht und toll ist. Alle möchten immer entlastet werden, ich gebe zu, ich möchte auch entlastet werden. Nicht mit einem Tankrabatt, ich könnte eher aufgabenseitig entlastet werden. Aber so grundsätzlich ist ja nun auch klar: Es ist vollkommen egal, ob man arm oder reich oder in der Mitte ist, wenn die Milch vorher 89 Cent gekostet hat und jetzt 2 Euro, dann ist das doof, und wenn es mit allen Produkten im Einkaufswagen so aussieht, dann ist das ganz besonders doof. Für alle. Nicht nur für arme Menschen. Und deshalb wäre es natürlich schön, wenn alle von dieser Scheiße entlastet werden könnten. Ich möchte spoilern: Draußen ist Krieg, ein Irrer stellt das Gas ab, wir können nicht alle entlasten von der Scheiße. Und nein, es ist nicht die Verantwortung der Bundesregierung, das Problem zu lösen, dass plötzlich 80 Mio Deutsche ganz teure Milch kaufen müssen. Das ist leider einfach Pech. Die Verantwortung der Bundesregierung ist es, das Problem zu lösen, dass Menschen, die vorher schon nur knapp über die Runden gekommen sind, nicht ins Nichts fallen. Das hat aber mit Entlastung nichts zu tun, das ist Rettung. Hieße das Paket Rettungspaket statt Entlastungspaket, dann müssten nicht ALLE Leute in Deutschland das Gefühl haben, dass sie da auch mitmachen wollen, viele Leute müssen nämlich einfach nicht gerettet werden. Rettungspaket ist aber als Wort leider auch irgendwie durch, wir hatten Lufthansa, wir hatten Griechenland, ein Rettungspaket kann man den Deutschen auch nicht mehr guten Gewissens verkaufen.

Ich möchte für das 4. Paket, das ja sicherlich noch kommen wird, vorschlagen, es Nicht-Verhunger-Paket zu nennen. Davon können sich alle Leute, die sich ein wenig belastet fühlen und Gefahr laufen, nächstes Jahr nur 4 und nicht 5 mal in Urlaub fahren zu können, emotional distanzieren, denn nein, ich weiß noch nicht, ob der 5. Urlaub nächstes Jahr drin sein wird, aber solange meine Familie und ich nicht verhungern, werde ich keine Ansprüche erheben.

3 Gedanken zu „06.09.2022“

  1. Grundsicherungs-Basispaket! Sonst kommen wieder die Schleimwesen aus den Löchern, die einem allen Ernstes erzählen wollen, dass man mit Hartz IV ja fürstlich lebe im Vergleich zu anderen Ländern mit „wirklicher Armut“.

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  2. Vielen Dank für diesen Post! Genau das wiederhole ich in Gesprächen seit Sonntag geradezu gebetsmühlenmäßig, sozusagen mit Wucht. Ich kann nur jedes Ihrer Worte drei- bis sieben Mal unterstreichen.
    Und bitte, schreiben Sie weiter!

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