Exkurs – Bye Bye Pigor

Wir werden alle nicht jünger, ja, ich werde auch nicht jünger, ich kann öffentlich keinen Zopf oder Dutt machen derzeit, sonst sieht man einen grauen Ansatz, und ich finde graue Ansätze hässlich, und man will ja nicht sich selber hässlich finden. Jedenfalls war ich heute doch leider letztmals bei Pigor singt und Benedikt Eichhorn wird begleiten, und das bricht mir fast das Herz, aber vielleicht bin ich jetzt zu alt. Oder Pigor und Eichhorn sind zu alt. Jedenfalls passen wir nicht mehr zusammen.

Entdeckt habe ich sie 2004 oder 2005 in Amsterdam, damals waren Jahre noch nicht wichtig. Es gab irgendeinen lustigen Kleinkunstabend, und der Grund, warum ich dorthingeschleppt wurde (aus Leiden, als keine echte Anreise, wir sind nicht aus Düsseldorf oder so nach Amsterdam gefahren für einen Kleinkunstabend), war ein ganz anderer, den habe ich aber vergessen, ich war viel zu begeistert von Pigor und Eichhorn, kaufte dann am Merchtisch alle CDs, die es dort gab, und dann war ich Fan. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Abend. Neben mir saß nämlich eine ältere Frau, die vermutlich so alt war, wie ich jetzt, stöhn, und mein Begleiter auf der anderen Seite flüsterte mir ständig etwas mit „Happy Hooker“ ins Ohr, und zu diesem Zeitpunkt waren wir noch nicht dort, wo, ach egal, jedenfalls war ich sehr überrascht, anschließend erklärte er mir, dass neben mir Xaviera Hollander saß, die ich natürlich nicht erkannte, in den Niederlanden zählte sie zum Kulturgut, aber so gut kannte ich mich nicht aus. Ich weiß auch noch, welche Schuhe ich trug, wir waren nämlich anschließend noch tanzen, und dort war eine sehr hippe junge Frau, die die gleichen Schuhe, Fluevog Choice Hi Vanny, in einer anderen Farbe trug. Dass man Schuhe, die nur in 6 Läden in den USA und Kanada verkauft werden und jedes Modell nur in sehr geringer Stückzahl, gleich zweimal in Amsterdam in einer Bar findet, ist einerseits statistisch sehr unwahrscheinlich, für die Kombattantin aber auch sehr unangenehm, sie war beleidigt, ich fand das lustig.

Ich will jetzt auch keinen Abgesang schreiben. Ich habe Pigor und Eichhorn seitdem oft gesehen, sie spielen regelmäßig im Kommödchen, ich war immer da. Dann war Pandemie, dann war ja immer nichts, und dann war halt heute, ich hatte mich sehr gefreut, und nein. Ich habe mich nicht amüsiert. Sie sind sehr alt geworden, ich fand Eichhorn ja immer sehr ansprechend, jetzt ist er ein alter Mann, dass tut nichts mehr für mich. Pigor ist noch viel älter, er erinnerte mich an meinen Opa Vitus, er hatte (fand ich) stark an körperlicher Präsenz eingebüßt, da er einfach, naja, nicht mehr so flummiartig ist. Aber seien wir ehrlich: Das ist natürlich alles total irrelevant, man muss ja nicht immer mit der Band ins Bett wollen. Kleiner Spaß.

Ich fand nichts lustig. Als es vorbei war, sagte ich zu meiner Begleitung, die schon öfter meine Begleitung für diese Veranstaltung war, genau dies, was die Frage eröffnete, ob es vielleicht an uns läge, es hätten ja sehr viele Gäste sehr viel gelacht und geklatscht. Ich halte das allerdings für kein tragfähiges Argument. Mario Barth füllt ganze Arenen, Menschen finden sogar *das* lustig. Ich fand die Texte von Pigor und Eichhorn früher immer zu allergrößten Teilen unglaublich lustig, unfassbar klug, und so großartig vorgetragen. Heute nichts davon. Auf der Habenseite: Stimmlich alles tippitoppi. Aber ich fand nichts lustig. Ich fand auch nichts außergewöhnlich klug. Ich fand die übertrieben einstudiert wirkenden Kabaretteinlagen zwischen den Liedern langweilig, ich hatte oft ein bisschen Fremdschämen. Zwei alte Männer in Hosenträger versuchen, Altemännerwitze über Politik und Klimakterium zu machen. Ich habe mir kein einziges Lied gemerkt, das ist ungewöhnlich. Nein, stimmt nicht, die Zugabe hatte Frau Kaltmamsell mir schon vorab begeistert getrötet, das Video war besser als das heute. Ansonsten gab es noch eine deutsche Version von Je ne quitte pas, das fand ich schön, einerseits, weil Pigor singen kann, andererseits, weil ich ewig nicht mehr Jacques Brel gehört habe, das ändere ich morgen, ich mag Jacques Brel, das war eine gute Idee. Allein dafür war es kein schlechter Abend.

Und dann noch die Gendern-Kritik, die sich durch den ganzen Abend zog, und die leider auch, wenn sie von als klug gelesenen Leuten Leuten von Linksaußen lustig verpackt wird als nicht so praktisch und sprachlich schön, Quatsch ist. Der Punkt ist halt der. Wenn ich einen Kabarettabend mache und in Minute 5 schmettere, dass wir vor 60 Jahren noch eine vollkommen unterdrückte und reaktionär geführte Gesellschaft waren, die sich dann ab 68 in der selbstgebatikten Latzhose da rausgeboxt hat und jetzt ist ja so vieles besser, naja, dann muss man mir nicht in Minute 30 dann mit einer langen Exegese kommen, dass aber das mit dem Gendern doch jetzt, Sie wissen schon, also da hört’s jetzt aber auf. Und verstehen Sie mich nicht falsch. Es war keine dezidierte, merzgleiche Kritik an gendergerechter Sprache, und ich finde, Menschen sollten selber entscheiden dürfen, wie sie sprechen und schreiben. Es war nur das dauernde Drüberlustigmachen, das „oder wir machen nicht das doofe mit dem Sternchen, wie wäre es mit Alternative XY“, ist ja egal. Alles egal. Ich bin mir ganz sicher, dass es 1968 auch so alte Männer gab, die sich über die Latzhosen aufgeregt haben, die waren nämlich auch nicht wirklich schön.

Mich haben sie jedenfalls leider jetzt verloren, aber ich werde die letzten 18 Jahre in sehr schöner Erinnerung halten. Morgen höre ich den ganzen Tag abwechselnd Jacques Brel und Bomben in Baden-Baden, und dann werde ich es auch überwinden.

5 Gedanken zu „Exkurs – Bye Bye Pigor“

  1. Hochinteressant: Da Pigor ja immer in character singt (siehe „Rente gehn“), war ich davon ausgegangen, dass er einen zeitgenössischen albernen Gender-Kritiker darstellt und dadurch lächerlich macht. Allerdings war dieses für mich das erste Pigor&Eichhorn-Programm, das ich vor einem Jahr sah, ich kann es deshalb nicht vergleichen und einordnen.

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    • Naja, im Prinzip für mich egal, ob jemand das in character oder so macht. Allein die Tatsache, dass so lange drüber gewitzelt wird, ist in meinem Kopf einfach falsch. (Aber es war die Kombination von Allem. Ich habe in den letzten Jahren wirklich mehr als einmal Tränen gelacht, weil ich eine Textzeile so rasendkomisch fand. Gestern musste ich gar nicht lachen, das kam unerwartet.)

      Ich hör jetzt erst mal die Kevins. Das macht mir immer gute Laune.

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  2. Xaviera Hollander, danke! Jetzt weiß ich auch wieder, welches Buch das war, das ich einst nebst vielen weiteren aus dem Regal im familiären Urlaubshaus gezogen habe. Darin meine erste Begegnung mit dem Satyricon von Petronius, was man sich halt so merkt aus Büchern.

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  3. Es ist mir schon einige Male aufgefallen, dass bei ansonsten „vernünftig“ wirkenden (vor allem, aber nicht nur, älteren) Herren der Schöpfung beim Thema Gendern dann plötzlich Schluss ist mit aller Aufgeschlossenheit. Das scheint irgendwie mehr ans Eingemachte zu gehen, als man sich das als Nicht-XY-Mensch so vorstellen kann.

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