Herzbruch in Curaçao – Teil 9

Ich sitze unter einem Laken in meinem Bett, die Tür zum Pool ist geöffnet, darin kichert mein etwas angetrunkenes kleines Kind, meine Schwestern kichern unter der Palapa. Vor 5 Minuten sind wir nach Hause gekommen, und ich könnte mir im Leben nicht vorstellen, jetzt noch irgendwo zu sitzen, ohne dass ich spätestens 1 Minute später liegend abtransportiert werden müsste. Hier geht aber. Wir gucken mal, wie weit wir kommen.

Heute Morgen sind Ona und ich früh aufgestanden und zu irgendeinem Strand gefahren, Moment, ich muss überlegen. Richtig. Playa Jeremi. Das Curaçao Schnorchel Video, das ich in den letzten 12 Monaten quasi auswendig gelernt habe, und das dazu geführt hat, dass ich denke, dass die beiden Frauen, die es erstellt haben, Teil meines innersten Freundeskreises sind, sah Playa Jeremi nicht so weit vorne, aber unsere neue beste Freundin, Maren, die Tauchlehrerin, doch, also fuhren wir in aller Frühe hin und schnorchelten los. Da ich morgens ja noch nicht so auf Zack bin, hatte ich meinen Rashguard vergessen, musste also im Bikini los, und gut, so eine Schutzkleidung hat ja verschiedene Zwecke, man verbrennt nicht, und ich bin ja so eine Art Quallenmagnet, man hat halt auch kein größeres Problem mit Quallen. Ich nenne Playa Jeremi ab sofort nur noch „Home of the tiny jellyfish“, es gab viele Quallen, ich hatte nach knapp 2 Stunden Schwimmen viele Kriegsverletzungen. Drecksviecher. Hier sind ja so Miniquallen, die man nicht gut sieht, also kann man auch nicht hektisch wegschwimmen. Egal. Schnorcheln. Nicht unser bester Snorkel, viele sehr große Korallen, das war schön, aber keine bunten, also war die GoPro-Ausbeute sehr mau. Dafür viele gute Tiere, auch einige Fische, die wir noch nicht gesehen hatten. Wir schwammen aus der Bucht raus, dann rechts rum (hurra, gemerkt), und dann waren wir etwa 45 Minuten unterwegs, bis wir Kleine Knip erreichten, und da war ja klar, dass linksrum langweilig ist, also schwammen wir wieder zurück. Leider war es inzwischen noch viel windiger, als es vorher schon war, und zum ersten Mal musste ich wirklich fluchen. Ich bin insgesamt ja sehr erstaunt, dass ich problemlos große Distanzen zügig schwimmen kann, das könnte ich mit meinen Liegebeinen vermutlich nicht laufen. Schwimmen geht nahezu problemlos. Aber gut, heute haben die Oberschenkel ordentlich gebrannt. Davon konnten die Quallen mich allerdings gut ablenken. Der Kontakt brennt wie die Hölle, und Ona, der ja schon durch einen gesamten Kindergarten geschwommen ist, hatte mich informiert, dass es 10 Minuten brennt, dann ist es weg. So war das auch, aber zum Glück kam alle 10 Minuten eine neue Qualle. Die schönste war die, die sich kurz, bevor wir wieder in die Bucht einschwammen, in meinem GoPro-Handgurt verfangen hatte. Aber gut, sprechen wir nicht mehr drüber, 10 Minuten kann man ja aushalten.

Wir sind einfach nass, wie wir waren, wieder zurückgefahren, dann saß ich ein wenig unter der Palapa und begann, sehr zu frieren. Ich bin hier ja in so einer anderen Welt, dass ich gar nicht darauf gekommen bin, dass ich hoch Fieber haben könnte, aber gut, 15 Minuten Powernap, viel Wasser, dann sehr schicker Powerbomb-Smoothie in sehr schicker Cocktail Bar, dann ein wirklich sehr gute Tunfisch, dann ein Cocktail und noch ein halber Cocktail, und das Ergebnis liegt jetzt hier und schreibt ins Internet.

Morgen früh wagen Ona und ich den letzten Versuch, Schildkröten zu sehen. Die beste Option, wenn man nicht in den Fischresten der Fischer, die sie am Ufer ins Meer kippen und damit Schildkröten anlocken, schwimmen will, ist laut der Tauchlehrerin einfach der eigene Strand, rechts raus. Das machen wir also morgen. Drücken Sie wieder einmal die Daumen für Schildkröten, das fehlt hier noch ein bisschen. Wenn das nicht klappt, ist das aber auch nicht so schlimm. Ich bin in den letzten 12 Monaten ja gut damit gefahren, dass ich mir ein Ziel setze, also hat Ona neue Ziele definiert. Eventuell sind die etwas schwieriger zu erreichen als das letzte, aber Sie kennen mich als hochgradig kompetitiv. Ziel 1 ist, dass wir noch machen wollen, was wir sowieso hätten machen wollen, auch schon zu der Zeit, als ich noch gegen Fernreisen waren, nämlich auf die Malediven mit der Sandkastenfreundin. Da sind wir offensichtlich noch nicht geschnorchelt, das müsste also passieren. Wenn ich noch da bin und fit genug, um das zu machen, kommt der nächste Plan, und der wäre einfacher umzusetzen, wenn ich keine Silikon-Ersatzteile mehr aus mir raushängen hätte, also noch viel schwerer zu erreichen. Aber je schwerer, desto besser! Wenn das nämlich irgendwann eintritt, setzen wir uns schon wieder in ein Flugzeug und fliegen wieder nach Curaçao. Wir bleiben zwei Wochen und machen endlich den Open Water Diver Schein, damit wir danach besser und vor allem einfacher tauchen können. Natürlich bei unserer neuen Freundin, der Tauchlehrerin. Die weiß davon noch nichts, aber ich nehme an, sie wird das einrichten können.

Man muss Ziele haben. Auch wenn man weiß, dass sie nicht sehr realistisch sind.

An der Stelle könnte ich jetzt aufhören, der letzte Satz klingt wie ein letzter Satz. Aber da mit Krankheit ja auch Oversharing kommt, möchte ich noch etwas teilen. Was wir jetzt mal nicht überbewerten. Aber es ist so, dass ich heute, nachdem ich knapp zwei Stunden geschwommen bin, zum ersten Mal seit Februar alleine pinkeln konnte. Das ist insofern wichtige Information, dass man demnächst ohne Ventil und ohne die Möglichkeit, alleine zu pinkeln, und mit einer neu verfassten Patientenverfügung, in der steht, dass ich unter keinen Umständen mehr katheterisiert werden darf, vermutlich ein Problem hat. Was genau passiert ist, ist unklar, aber nach 2 Stunden Schwerelosigkeit funktionierte die Blase. Nicht anhaltend, aber für die nächsten 3 Stunden. Ich habe eine halbe Wassermelone gegessen, um den Härtetest zu machen. Hab ich wieder rausgekriegt. Die Familie plant bereits den Hot Tub im Garten. Damit wäre ich weiterhin komplett immobil, könnte aber einfach 10 mal am Tag im Hot Tub liegen. Wenn ich morgen wieder nüchtern bin, denke ich das mal weiter durch. Aber erst Schildkröten.

1 Gedanke zu „Herzbruch in Curaçao – Teil 9“

  1. Und noch kurz die Anmerkung: Ich bin fertig damit, auf Wunder zu hoffen, das ist nicht mehr mein Ansatz. Dass ich das hier gerade schreibe, war allerdings auch nicht zu erwarten, ich scheine recht zäh zu sein. Oder wie mein Steuerberater sagte: „Du bist ein Viech.“

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