26.02.2024

Ich habe alles erreicht. Nein, das stimmt natürlich nicht, die Rentenlücke ist noch nicht vollständig geschlossen, aber ich habe ja auch noch 20 Jahre und bin mir der Situation bewusst und arbeite hart daran. Aber ansonsten kann ich heute abend beruhigt ins Bett gehen. Und das kam so.

Ich fuhr heute nachmittag mit dem Teenager in den Aquaristen-Nerdladen. Er brauchte eine Lösung, damit seine Garnelen nicht in den Filter eingesaugt werden, eine kam dort leider ums Leben, das will ja nun keiner. Ich brauchte Brokkoli, und den gab es im Supermarkt nebenan, also fuhren wir gemeinsam. Auf dem Rückweg habe ich mich kurz verfahren, das ist natürlich albern, wir waren in dem benachbarten Stadtteil, in dem wir vor dem heutigen Ort vier Jahre lang gewohnt hatten, und Ona machte sich über mich lustig. Es ist allseits bekannt, dass ich absolut keine Orientierung habe, und ich lebe damit hervorragend, ich habe ein Telefon mit GPS und ein Auto mit GPS, was sollte mir passieren? In jungen Jahren war ich da angestrengter, aber gute Reisevorbereitung hat mich immer irgendwie ans Ziel gebracht.

Ich fragte also, ob ich rechts oder links abbiegen müsste, er lachte sich tot und machte alberne Witze über meine Orientation, ich korrigierte sein Deutsch und hob an zum Monolog. Mein Punkt ist nämlich der: Mein Sinn für Orientierung ist komplett verkümmert, da ich einerseits generell nie ein Mensch mit gutem Orientierungssinn war, andererseits allerdings diese Fähigkeit auch überhaupt nicht benötige. Dafür kann ich Excel, als gäb’s kein Morgen, Excel ist die Orientierung der Neuzeit. Ich zitierte sogar noch sehr länglich, bis fast zuhause nämlich, die Forschung einer früheren Kollegin, die untersuchte, ob Menschen, die kleine Sprachen sprechen, in denen Zeitangaben nicht deiktisch-spatial ausgedrückt werden, besseren Orientierungssinn haben. Deiktisch haben wir das im Deutschen oder uns nahen Sprachen gelöst, da ist die Zukunft vorne und die Vergangenheit hinten, und zwar von uns aus gesehen, also deiktisch. Egal, wie rum ich stehe, meine Zukunft ist vor mir, auch wenn Sie mir gegenüber stehen und sie damit hinter Ihnen wäre. Es gibt aber halt auch Sprachen, da ist die Vergangenheit im Westen, und ich kürze jetzt drastisch ab: Menschen, die für die sprachliche Konstruktion ihrer Realität wissen müssen, wo Norden ist, wissen schon sehr früh im Leben absolut immer, wo Norden ist. Ich weiß nie, wo Norden ist. Ich kann Excel, meine steile Arbeitshypothese ist die: Das reicht, um meine persönliche Lebensrealtiät zu konstruieren.

Egal, jedenfalls beendete ich den Monolog mit exakt dieser Aussage und einer Theorie, dass ich 2024 schneller mit guten Excelkenntnissen die Weltherrschaft erlangen könne als mit dem ständigen Wissen, wo Norden ist, dann lachte Ona sehr, sehr laut und fand mich irre und sagte: „Das Zitat würde jetzt aus dem Kontext genommen viral gehen und dann würden alle denken, du seist komplett verrückt.“ Okay, irgendwie war der Dialog in der Situation besser, als ich ihn jetzt nacherzählt habe, aber den Rest des Weges sprachen wir darüber, dass ich jetzt beruhigt schlafen kann, weil das Kind inzwischen weiß, dass es nicht für bare Münze nehmen kann, was es im Internet liest, und dass es sich die Originalquelle in Gänze angucken muss, ja, das weiß es jetzt einfach alles so, und das stimmt mich fröhlich, es ist nämlich noch nicht ganz so lange her, dass ich irgendwelche Küchengeräte kaufen sollte, weil auf Instagram so ein Post war, aus dem er mitgenommen hat, dass man ohne so ein Küchengerät ja überhaupt nicht kochen kann.

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