Je oller, je doller. Es müsste natürlich „desto doller“ heißen, aber wer bin ich schon, hier irgendwelche Regeln aufzustellen. Ich sitze am Küchentisch von Frau N., die Gefühle sind gemischt, denn ich möchte weinen vor Glück, dass ich überhaupt irgendwo sitze, wo ich nicht dafür verantwortlich bin, dass alle nicht sterben (in einem Auto, das über die Autobahn fährt, zum Beispiel), und ich möchte weinen vor Trauer, dass ich nicht an meinem eigenen Küchentisch sitze, was unplausibel wäre, da ich keinen Tisch in der Küche habe, aber wenn ich einen hätte, wäre mir lieber, ich säße dort und müsste nicht morgen früh um 8 Uhr wieder ins Auto steigen, um dort erst noch 3 Stunden hinzufahren. Dort hätte ich auch mein Kissen – in den letzten Tagen war ich konstant so angeknipst, dass ich vergessen konnte, dass ich selbst bis Curaçao mein Tempurkissen mitnehme, da nur dieses drei Bandscheibenvorfälle in der Halswirbelsäule gefühlt ungeschehen machen kann. Die kenne ich seit 2017, seitdem schlafe ich auf dem Kissen und bin nahezu beschwerdefrei. Meine Güte, ich rede schon wieder über Krankheit. Wie so eine Omma.
Und da sind wir auch schon beim Thema. Aber ich schließe erst kurz ab, was ich angefangen hatte, wenn es sehr gut läuft, weiß ich gegen Ende noch, dass ich hier fand, ich sei schon beim Thema. Wir waren ja in München, bei Rocky, die Lesung, und ich möchte den artist on stage die Schilderung der Veranstaltung gerne selbst überlassen. Ich habe das Damenprogramm für Frau N. gemacht, und ich möchte sagen, wir haben alles aus der Situation rausgeholt. Donnerstag reiste ich abends an, holte Frau N. im Turm ab, der Plan war leider, dass wir eine Stand-Up-Comedy-Show gucken (durchkoppeln, richtig?), am Veranstaltungsort kamen wir deutlich zu früh und sehr hungrig an, und ein Blick durch das Fenster in den vermeintlichen Veranstaltungsraum ließ uns kurz erschaudern. Es war vielleicht ein Kindertheater, das aushängende Programm ließ darauf schließen, aber gut, wir sind ja gut darin, uns in eine Situation zu werfen mit allem, was wir haben, also aßen wir noch schnell beim Chinesen nebenan, damit wir mehr zu werfen hatten. Als wir dann wieder am Theater ankamen, waren alle Leute, die vorher noch so wirkten, als würden sie dort arbeiten, weg, alles war dunkel, ein Telefonat klärte auf: Ein Comedian war krank, man habe alle außer uns angerufen, sorry. Was war ich erleichtert! Wir fuhren zurück in die Nachbarstadt, tranken etwas, und insgesamt ist das alles viel zu langweilig, um es weiter zu erzählen. Am nächsten Tag musste ich morgens arbeiten, ich hatte gut vorbereitet, der Plan war, dass ich noch 5 Minuten lang etwas machen muss, doch wie das so ist, sagt dann irgendjemand in irgendeiner Pressekonferenz irgendwas weil Wahl ist oder Wahl war oder Wahl sein wird, und dann muss man noch mal alles neu machen, und so wurden aus 5 Minuten 2 Stunden, und dann fuhren wir nach München.
Im Parkhaus des Hotels fuhr ich mich erstmal 45 Minuten lang so fest, dass man denken könnte, ich habe noch nie in einem Auto gesessen. Das Parkhaus war aus einer Zeit, in der die durchschnittliche Familie Ente fuhr, und mein fester Wille war, das Auto nicht kaputtzufahren. Im ersten Untergeschoss war nichts frei, aus diversen Gründen, zum Beispiel wildparkende Autos einfach irgendwo im Weg, musste man aber einmal ganz rumfahren, um dann zu sehen, dass man hier nicht parken kann, und dann rückwärts durch alle wildparkenden Autos wieder zurück, selbst mit dem Mini hätte ich nicht wenden können. Fast wieder am Ausgangspunkt wendete ich dann doch, bis hierhin war alles okay. Dann aber fiel uns auf, dass man rechts abbiegen konnte, ins 2. Tiefgeschoss. Wäre man oben von der Straße gekommen, hätte man einfach geradeaus runterfahren können. Kamen wir aber nicht, wir kamen von rechts und mussten um die Ecke fahren, und ich habe nicht übertrieben wenn ich sage, dass wir dann 40 Minuten hin und her rangierten. Ich kriegte das Auto, das nicht länger ist als ein Golf, nicht um die Ecke. Durch weitere wildparkende Autos konnte ich aber den Winkel auch immer nur um 1 Grad pro Zug verändern, bei jeder Aktion blinkte und piepte alles, durch die 360-Grad-Kamera springen dann immer lautstark alle Kameras an, Warnmeldungen erscheinen, es ist absurd. In England neulich zog Frau N. die Parallele zu unseren Kindern, die beide im Kleinkindalter mal eine Phase hatten, in der sie laut „MEINE HAUT“ schrien, wenn man sie berührte, wenn sie das nicht wollten, zum Beispiel beim Schieben, wenn man nach 20 Minuten vom Schaufenster mit der Winkekatze weitergehen wollte. So benimmt sich also mein Auto, nur schon etwa 1 Meter, bevor irgendetwas berührt wird. Nach 40 Minuten jedenfalls konnte ich also um die Ecke fahren, und als ich unten noch schräg auf der Rampe stand, bat ich Frau N., einmal auszusteigen und zu gucken, was mich erwartet – ich hätte mich nicht gewundert, wenn ich auch dort wieder einmal ganz rum hätte fahren müssen, um dann rückwärts im Slalom wieder zurück zu fahren, rückwärts die Rampe hoch und dann – obacht – rückwärts wieder 40 Minuten um die Ecke – ich wollte mir das ersparen. Jetzt, wo ich mit etwas Abstand draufgucke, hätte ich mir auch gut vorstellen können, dass Frau N. schon oben ausgestiegen wäre, um runter zu laufen und zu gucken, ob es sich überhaupt lohnt, weitere 30 Minuten Grad für Grad den Winkel zu ändern, um um die Ecke zu fahren. Aber gut. Ist passiert. In Minute 38 sagte ich jedenfalls: „Wenn wir gleich an der Rezeption den Eindruck haben, die Leute müssten sich zusammenreißen, haben die hier Kameras und gucken uns zu.“ Mein Eindruck war beim Einchecken, sie haben Kameras.
Dann ging es auch schon mit dem Rocky-Vorabendprogramm los, als Damenprogramm durfte ich teilnehmen, dafür Dank an die Organisatorin Frau Klugscheißer, sowie die weiteren Artists, Vanessa Giese, die Kaltmamsell und Mequito. Als wir um Mitternacht aus dem Restaurant geworfen wurden, erklärten Frau N. und ich Mek in aller Kürze, wie das geht mit dem Sich-in-die-Situation-Werfen, man könne auch Karaoke singen gehen, wenn man das gar nicht möchte und ganz müde ist, und wir fanden, er ist ein natural born talent. Er wird sagen, er war einfach etwas zu betrunken, jedenfalls kam die Idee, doch zwei statt eine Stunde den Karaokeraum zu buchen, weder von Frau N, noch von mir.
Es war wild. Und spät. Es war Alkohol im Spiel, ich habe gehüpft, eine Tätigkeit, die ich von meinem Körper, der 22 Monate gelegen hat, nicht erwartet hätte. Weit nach 4 Uhr lagen wir im Bett, und dann fiel mir ein, dass ich ja nicht schlafen kann, wenn ich sehr viel Cola getrunken habe, na gut, ich schlief also nicht. Meine Befürchtung war, dass ich Samstag noch knapp die Lesung mitverfolgen kann und dann nach den nicht ganz zwei Stunden Schlaf einfach umfalle, dem war aber nicht so. Es war eher so, dass ich morgens lange wach im Bett lag und las, dann lange Spätstück machte, ich hoffe, dass die Absurdität des Lokals, in dem wir gelandet waren, vielleicht von Mek beschrieben wird, ich steige nämlich wieder ein nach der Lesung, die so unfassbar unterhaltsam war, und auf der ich so viele tolle Menschen irgendwelchen Handles zuordnen konnte, dass ich plötzlich wieder fit war, als hätte ich monatelang in einem Spa gelegen, also gingen wir wieder mit großer Runde in das Lokal vom Vorabend, dort wurden wir um Mitternacht wieder rausgefegt, da Frau N. und Mek in der Karaokebar jedoch angekündigt hatten, dass wir bestimmt noch mit einer großen Gruppe wiederkämen, fuhr ein relevanter Ausschnitt des Internets mit vier Ubers dorthin, dann gab es bis 3 Uhr Karaoke, dann fuhren wir in etwas kleinerer Runde noch in einen sogenannten Club, wie so ganz junge Menschen (mit sonst ausschließlich ganz jungen Menschen), dort hörten wir dann etwas REM und Melissa Etheridge (??), und dann wollten wir theoretisch alle ins Bett, aber es war ja Zeitumstellung, vielleicht hat uns das kurz abgelenkt, jedenfalls landeten Frau N, Mek und ich dann noch in einer Hotelbar, aßen Pizza und tranken Cocktails. Ab da Alkoholfrei, thank God, ich hatte wirklich einmal gut aufgepasst. Es war nämlich klar, dass maximal weitere 2 Stunden Schlaf an diesem Wochenende noch möglich sein würden, und ich hätte eine eventuelle Müdigkeit am Steuer nicht gerne mit Restalkohol kombiniert.
Mit Bestürzung stelle ich fest, dass die Schilderung nicht annähernd so unterhaltsam ist, wie das Wochenende war. Woher ich in mir die Energie genommen habe, ist unbekannt, ich habe es bis auf die letzten 20 Minuten vorm Frankfurter Flughafen keine Sekunde gespürt, dass ich an dem Wochenende insgesamt 4 Stunden geschlafen habe, mehr gelaufen bin als in einem willkürlichen Monat 2025, gehüpft bin, und naja, Cocktails hatte ich deutlich mehr als 4. Womit wir beim Thema sind. (You see, what I did there!)
Ich habe ausführlich mit Frau N. besprochen, dass wir eigentlich gerne wieder bloggen würden. Aus unterschiedlichen Gründen tun wir uns schwer damit, den Einstieg zu finden. Ich folge ihrem Rat und sage mit offenem Visier: Ich möchte nicht mehr über Krankheit, Körperteile, Gewebe, Höhe des Fiebers oder irgendwelche anderen Gebrechen schreiben. Oder sprechen. In den letzten 22 Monaten haben Sie in Ausschnitten ein Häufchen Elend gesehen, und Ihre Reaktionen waren zu jedem Zeitpunkt hilfreich. Und nach wie vor nahezu unbegreifbar. Ich habe einen großen Karton gesammelter Postkarten. Über jede einzelne habe ich mich gefreut. Blumen. Geschenke. Puschelparade. Besuche. 14 mal erleichterte Kommentare, wenn ich im Aufwachraum auf Mastodon schrieb „Wieder wach“. Dass Sie das 22 Monate durchgehalten haben, ist fast so unbegreifbar, wie dass ich das 22 Monate ausgehalten habe. Habe ich aber. Und 22 Monate haben alle auf das große Wunder gewartet, das nie kam, dafür kam eine Entscheidung, dass wir jetzt Hopp oder Topp spielen, und ich bin immer ein sehr performanter Mensch gewesen. Gegen jede ärztliche Vermutung sieht es aus, als hätte ich Topp erzwungen, und damit beginnt jetzt ein neuer Abschnitt. Ich möchte mich mit dem Thema noch mit genau 2 Personen beschäftigen, und ich selbst bin keine davon. Meine Urologin und meine Therapeutin. Wenn ich nicht gerade bei einer dieser Beiden bin, möchte ich mich, so möglich, momentan nicht beschäftigen. Ich bin nicht gesund, aber die Einschränkungen, die derzeit da sind, kann ich komplett ausblenden und managen. Ich möchte offensichtlich nie mehr schlafen, sondern nur noch feiern, und das wird ein Zustand sein, den es ebenfalls zu managen gilt. Besser wäre nämlich eine langsame Wiedereingliederung in ein normales Leben. Warum ich das sage?
Ich wäre gerne nicht mehr die kranke Frau mit der schlimmen Geschichte, um die sich alle sorgen. Ich wäre gerne die Frau, die aufschreibt, dass sie 40 Minuten und 90 Züge brauchte, um in der Tiefgarage um die Kurve zu fahren. Vielleicht können wir da noch mal neu anfangen. Frau N. schlug vor, dass wir uns gegenseitig zwingen, täglich zu bloggen, mit Strafe und allem. Ich habe eingeschlagen. This is the beginning. And this is the other side.
Bei Frau N. lese ich gerade, wir hätten pro Nacht nur etwa 4 Stunden im Bett verbracht. Das muss ich einordnen, ich sprach ja von 2 Stunden: Wir haben beide recht. Freitag haben wir 4 Stunden im Bett verbracht, allerdings ist Einschlafen bei Frau N ja eine reine Entscheidungsfrage (sie braucht 30 Sekunden ab „Ich schlaf jetzt tschüss“), bei mir nicht, eher ein Prozess, und wenn ich so überm Punkt bin, dauert der halt 2 Stunden.
Ich begrüße das alles ganz außerordentlich und versuche, beim nächsten Mal bis zum Schluss mitzuhalten, Ihr Verrückten! Es war mir ein Fest, danke fürs Mitnehmen! <3
Ich hatte den gesamten Tag einen Ohrwurm von eurer Fickt-Euch-Allee, ohne eine Sekunde Unterbrechung. Ich werde wahnsinnig. Good Game!
Also, ich singe gerne wieder mit Euch.
…und würde das auch gerne wieder, wie eben, mehr oder weniger wortreich erwähnen. Ich kann’s zwar nicht, aber Du und habe den Song vergessen, den Du gesungen hast und ich eigentlich in meinen Text einbette wollte. Irgendwas mit Peel oder so.
Peel me a Grape
Diese Tiefgarage ist wirklich der Endgegner, der reizende Mann brauchte heute Früh lockere 20 Minuten, um das Auto da rauszuzirkeln ( fun fact: er hat auf der Fläche einer Briefmarke gewendet), ich hatte mich wegen eines immer noch nicht funktionierenden rechten Armes für ungeeignet erklärt. Ich hätte halt 40 Minuten gebraucht.
Aber was ich sagen wollte:
Danke, DANKE an alle Beteiligten! Was für ein wunderbarer Abend! So viele Bloggerinnen endlich mal live und in Farbe gesehen! Ich schwelge immer noch – auch ohne Karaoke.