11.06.2022

Soeben betrat Herr H. das Wohnzimmer, sah auf dem Tisch eine Flasche Monopole Heidsieck im Geschenkkarton stehen, schlussfolgerte haarscharf das Richtige und sagte: „Ich geh noch einkaufen, soll ich einen guten Obstbrand besorgen?“

Pandemie ist ja vorbei, also gibt es wieder Partys. Die heute findet im Heimatdorf des heute berühmtesten Künstlers Düsseldorfs statt, und ich sag’s mal so – zum Ausgehen von Düsseldorf dorthin zu fahren, ist Falschrumste, was ich lange gemacht habe. Vor vielen Jahren waren wir auf dem Polterabend des Geburtstagskindes, und wie das auf dem Dorf so ist, stellt man einfach einen Bierwagen vors Haus und dann kommt das ganze Dorf von ganz alleine. Ich erinnere mich dunkel, dass ich damals schon darüber schrieb, dass Abendgarderobe in dieser Welt besteht aus weiße Jack Wolfskin Fleecejacke ohne Fleck, ich war im roten Seidenkleid sehr deplatziert, und dass wir wie so Städter aussehend auf der Straße im Pulk standen, und als der erste Takt von „Atemlos durch die Nacht“ ertönte, passierte um uns herum ein Discofox Flashmob, und ohne zu zögern tanzten alle los. Herr H. und ich machen nicht in Paartanz, also guckten wir, dass wir uns irgendwie an den Rand retten, und dann standen wir da. Wie so Städter.

Das Zweite, woran ich mich erinnere, ist, dass damals wir noch mit den Eltern von Arthur in einem Haus lebten, und da Ona ja immer von 19h an 11 Stunden einfach schlief, brachten wir regelmäßig einfach das Babyfon hoch. Das ging mindestens zwei Jahre lang wirklich gut. An dem Abend hatten wir Polterabend, und Arthurs Mutter war auch weg, aber mit zwei Kindern, die eh immer nur schlafen, war auch Arthurs Vater komplett unüberffordert. Gegen 22 Uhr schellte dann mein Handy, Arthurs Vater, ich ging ran, hörte viel Geschrei, Chaos, Hecheln, Laufen, Fluchen etc., dann interpretierte ich, dass seine Hose mich angerufen hatte, also brüllte ich sehr oft seinen Namen ins Handy, was vor dem Polterabend-Bierstand zu Verwirrung führte, irgendwann hörte er mich aus seiner Hose rufen und rief hektisch zurück „sorry, ich komm nicht mit den Händen an die Hose, ich melde mich gleich, und irgendwann meldete er sich dann und erklärte, im Nebenhaus habe ein Künstler sein Atelier in Brand gesteckt, daher hätte er beide Wohnungen evakuieren müssen, also sich, sein schlafendes Kind und sein schlafendes Kind, und dann stand er mit zwei Zweijährigen auf dem Arm vorm Haus, dann war aber alles wieder gut, und dann schliefen sie einfach in ihrem Bett wieder weiter.

Und wenn da heute nicht Geburtstag wäre, wäre mir die Geschichte nicht wieder eingefallen, und das wäre ja auch schade gewesen. Statt dem Monopole Heidsieck gibt es jetzt einen guten Grappa. Tanzen können wir noch immer nicht, aber ich werde keine Abendgarderobe tragen. Ist ja nicht so, als wäre ich nicht lernfähig.

3 Gedanken zu „11.06.2022“

  1. Wie war es?

    Als gestrandete Städterin in der niedersächsischen Provinz habe ich die Abendgarderobe eingemottet.

    Man trägt hier allerdings Engelbert Strauss, nicht wolfskin.

    Ich halte mich mit bodendirect über Wasser. Also manchmal. Selten. Ähm.

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    • Ich musste diesen Kommentar plötzlich freigeben, und das habe ich jetzt erst mitgekriegt. Mensch. Aber ich merke mir das mal für nächstes Jahr!

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