03.06.2022

Ich bin gerade sehr gut gelaunt, ich habe nämlich heute ein ganzes Jahr Leben geschenkt bekommen. Und das kam so.

Eigentlich sollte heute kein entspannter Casual Freitag sein, sondern so ein Tag, wo man gar nicht mehr weiß, welche Deadline man als erstes versuchen könnte, zu retten, und dann noch so ein Termin mit ganz neuen Menschen, die etwas wollen, also muss man sich in Allerherrgottsfrühe schon fönen und schminken. Eine Sache, die mit der Pandemie und dem damit verbundenen Videokonferenzgebaren auch einher gegangen ist, ist eine gewisse, ich weiß nicht, ob Verwahrlosung das richtige Wort ist, doch vielleicht, also Verwahrlosung in der Interaktion mit Kunden. Ich komme aus Anzug, habe mich entwickelt zu Ihr-Anzug-ich-Architektoderso und dann kam ja erst mal jahrelang nur noch der Kopf vor der Kamera, und bei vielen Terminen, initial allen sogar, war ich dann immer gut angezogen, gut frisiert und geschminkt. Mit Lippenstift, seit einigen Monaten noch mit Brille. Ich habe es übrigens seit März 2020 sehr konsequent durchgezogen, mich an jedem Arbeitstag morgens zu duschen und echte Kleidung anzuziehen. Diese ist vielleicht etwas lässiger als die, die ich im Büro trug, ich sitze lieber in Baumwolle als in Chiffon im Sessel, aber jeden Tag Straßenkleidung, auch, wenn niemand mich sehen kann, was ja auch vorkommt. So ist man dann also von gefönt und geschminkt bei regelmäßigen Jour Fixes mit sehr sehr netten Kunden irgendwann zu nur noch gefönt gewechselt, dann irgendwann zu nicht mehr gefönt, inzwischen ist es sogar so, dass man sich auch mit diesem Haarknödel, den man nach dem Duschen auf dem Kopf hat, kennt. Man könnte den Termin natürlich auch später legen, dann wäre alles luftgetrocknet wie so ein Serrano, so jedenfalls bin ich häufig zeitlich hinterher, also Knödel.

Heute sahen mich also Menschen zum ersten Mal, und dann muss schon noch mal das gesamte Tamtam her, inklusive Blusenwechsel in allerletzter Minute, da die gewählte schwarze im Bildausschnitt eigenartiger aussah als die andere schwarze. Während des Termins schellte mein Telefon, ganz professionell ging ich nicht dran, dann war der Termin vorbei, ich rief zurück, übernahm einen Krankentransport in so eine alberne Stadt neben Düsseldorf, hatte mein Portemonnaie vergessen, weil mir zu spät einfiel, dass ich eigentlich dann auch noch schnell Spargel kaufen könnte, aber das ist alles vollkommen uninteressant. Portemonnaie geholt, Krankentransport erledigt, nach Hause gefahren, Kind in Empfang genommen, Krankentransport in die andere Richtung angetreten (meine Güte, es gibt ja Orte im Umfeld von Düsseldorf, die sind so schrecklich, dass ich beinahe zu schnell fahren würde, nur, um wieder über die Grenze zu kommen), dann musste ich kochen und telefonieren, dann probierte ich erstmals den Abholservice meines Stammsupermarktes und dann musste ich noch ein bisschen nachsitzen. Im Rahmen der Erwerbsarbeit musste ich mich mit meinem Geburtsdatum irgendwo anmelden, und dann fragte mich der Computer (quasi als wirklich schlechte Methode der Validierung, denke ich), ob ich 45 Jahre alt sei.

Ich kann nicht genau sagen, seit wann, aber ich glaube, dass ich seit meinem letzten Geburtstag im Juli dachte, dass ich 46 Jahre alt sei. Mein erster Reflex war folglich, dass ich eine Falle witterte, bevor ich irgendetwas ablehnte oder bestätigte dachte ich kurz strategisch über die Frage nach, was das wohl alles sollte, was denn der Gewinn dabei sei, mich nach einem falschen Alter zu fragen, der Gedanke kam zu keinem guten Ergebnis, dann war ich ein wenig verwirrt, und dann rechnete die Frau, die in formaler Logik promoviert hat, einmal kurz von Juli 1976 bis Juni 2022, und dann habe ich bestätigt.

Ich bin JUNG!

1 Gedanke zu „03.06.2022“

  1. Diese Nachrechnerei jedes Jahr! Ich weiß auch nur ungefähr wie alt ich bin.
    Ein ehemaliger Kollege sagte, er käme um das Dilemma rum weil er immer nur das Geburtsjahr nenne, wenn er gefragt würde. So bliebe er immer 49.
    Leider kann ich Ihnen das nicht empfehlen.

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