Herzbruch in Curaçao – Teil 3

Ups, schon 3! Na gut. Heute waren sich also alle einig, dass es doch Jetlag gibt, die Schwester, die viel weitgereist ist, wusste das vorher schon und hat beschlossen, einfach gar nicht mehr zu schlafen. Ich wusste das auch und ergriff meine Chance, alle davon zu überzeugen, dass man ja auch einfach jetzt 10 Tage früh aufstehen kann und früh wieder ins Bett, alles, was wir jetzt nicht verschieben, müssen wir ja hinterher nicht zurückschieben. Ich erinnerte mich, dass ich früher festgestellt hatte, dass ich für 2 Stunden 3 Tage brauche, aber damals war ich jung, nichts war grau oder hing, da konnte ich bestimmt auch besser Stunden verschieben. Als ich 2008 das letzte Mal nach Heimaturlaub zurück in die USA geflogen bin, war die Aufgabe, die noch anstand, die Doktorarbeit zusammenzuschreiben. Ich hatte viele Stücke, brauchte aber noch ungefähr 4 Monate, um das alles aneinanderzustricken, und damals hatte ich die gute Idee, mich einfach nicht komplett zu verschieben, und das hat funktioniert. Ich wohnte direkt neben einem Cafe, Que Tal, und immer schon hatte ich dort morgens gefrühstückt, war mit der Besitzerin und den Baristas Steven und Harry befreundet, und tatsächlich schrieben sehr viele Leute dort irgendwelche Dinge, also war der Plan, dass ich das Buch dort zusammenschreibe. Ich flog also zurück, dejetlagte mich auf 6 Uhr, um 6.30 Uhr öffnete Elena das Cafe, dann setzte ich mich an den Tisch hinten in der Ecke, Blick zur Tür, kleiner Tisch an der Steckdose, und dann schrieb ich bis nachmittags, und das machte ich dann vier Monate. Vor mir saß immer ein Typ, der einen Roman über einen Hai schrieb. Das habe ich irgendwann mit einem harten Writer’s Block herausgefunden, indem ich einfach 8 Stunden so tat, als würde ich nachdenken, eigentlich versuchte ich aber, auf seinem Bildschirm etwas zu entziffern, das Ergebnis war die Vermutung, es handele sich um einen Roman über Haie. Eine Frau schrieb für den SF Chronicle, ich schrieb meine Doktorarbeit, und dann waren noch eine Handvoll Semi-Regulars immer da, wenn auch nicht täglich. Eigentlich war das sehr schön, denn wir saßen alle gemeinsam alleine an unseren Tischen, jeden Tag, und nickten uns wissend zu. Unterhalten haben wir uns nie. Bis ich irgendwann einen neuen Kaffee holte, ich trank immer einen sehr großen Triple Shot Latte, serviert in einem 0,5l Glas, und der stand gerade frisch und kochend heiß auf dem Tisch, als jemand den im Vorbeigehen umwarf, genau mir in den Schoß. Ich dachte keine Sekunde nach, sprang auf und zog die Jeans aus. Und wenn man sich einmal nackt gesehen hat, so die Regel, hat man eine besondere Beziehung… Im Hinterhof stand eine große Aloe Vera, mit der wurde ich verarztet, und ab dem Tag wurde nicht nur genickt, sondern wir alle begrüßten uns mit „’s up?“ Elena kriegte dann eine gedruckte Version meiner Doktorarbeit und stellte sie zu all den anderen Büchern, die im Que Tal geschrieben worden waren. 2013 musste sie dann schließen. Als ich 2006 dort hingezogen bin, war die Mission mitten im Prozess der Gentrifizierung angekommen. An der Ecke hielt der Google Shuttle, um die Mitarbeiter:innen mit abgedunkelten Scheiben, einem Kühlschrank mit Naked Juices und WLAN (2006!) nach Mountain View zu karren, während ich mit dem Fahrrad um Potrero Hill rum (wichtig) zum Zug zu fahren. Meine Back Porch grenzte an das Stadtdomizil von Mark Zuckerberg, der damals aber noch nicht ganz so wichtig war, aber scheinbar ging dann alles sehr schnell, und irgendwann konnte dann niemand mehr dort eine Ladenmiete bezahlen.

Aber wo war ich? Richtig. Curaçao. Heute morgen fuhren wir also nach einem kurzen Frühstück wieder zum nächsten Strand, Daaibooi, und ich nahm Flossen und Schnorchel mit ins Wasser. Ona, der übrigens um 6 Uhr schon alleine dorthin gelaufen war, schwamm nur kurz mit, der Rest wollte auch eher planschen, und so schwamm ich alleine los. Als ich das erste Mal mit dem Kopf unter Wasser war, stellte ich erschrocken fest, dass ich direkt 100.000 Fische sah. Kleine und mittelspektakuläre, aber alles in allem war ich kurz beschäftigt mit der Frage, wieviele Fische ich mit jedem Flossenschlag durchs Wasser flippere. Ich schwamm geradeaus raus aus der Bucht, dann links um die Ecke, wohlwissend, dass meine Schwestern spätestens jetzt sagen „sie wird doch wohl nicht?“, und dann wurden die Fische größer und interessanter, ein paar unspektakuläre Korallen gab es auch, und ich schwamm und schwamm. Irgendwann dachte ich, ich müsste mal zurückgucken, um dann festzustellen, dass ich wirklich sehr weit weg war, ich sollte also vielleicht besser zurückschwimmen. Naja, und dann schwamm ich also gegen die Strömung, ich untertreibe etwas, wenn ich sage, der Rückweg zog sich. Zum Schnorcheln möchte ich allerdings gucke ich mir noch andere Strände an. Ich halte Sie auf dem Laufenden. Immerhin habe ich schon mal den gesamten Cast von Findet Nemo gesehen, aber da geht noch mehr. Die GoPro musste ich jedenfalls noch nicht mitnehmen, das war nicht nötig.

Irgendwann gingen wir dann alle duschen, und dann fuhren wir zu „Marfa’s Good Hangout“, dem einen Lokal abseits der Hauptstadt, der auch hervorragend rezensiert war. Das Erlebnis war bestenfalls erstaunlich. Das Gemüse kam nach, also gingen wir zu dritt vorsondieren, und wir kamen an, alle Tische waren frei. Ich fragte auf Niederländisch nach einem Tisch für 5, und die Frau guckte mich höchstgenervt an. Keine Reaktion. Ich lächelte aggressiv freundlich, und sie ging eine kleine Treppe hoch, ein Podest, wo Bar, Küche und Empore waren, und zeigte auf einen großen Tisch mittendrin. Es war heiß, stickig, insgesamt war mir klar, dass ich da nicht lange sitzen wollen würde. Im Dunklen auf einer extrem windigen Terrasse zu sitzen ist in Curaçao deutlich schöner, als in Düsseldorf. Dann will man nicht oben unterm Dach vorm Klo sitzen. Ich fragte also freundlich, ob denn alle Tische unten reserviert seien. Sie antwortete: „Nein, aber ihr seid ja 5, der große ist für 6.“ Ich fand die Antwort unüberzeugend, suchte aber den Kompromiss und fragte, ob man an den Vierertisch vielleicht einen fünften Stuhl stellen könnte. Nein, das machen wir nicht. Meine Schwester, die nicht ganz nachvollziehen konnte, was jetzt das Problem war, fragte mich auf Deutsch, ich antwortete auf Deutsch und war dabei angestrengt, und als ich fertig war, sagte Marfa: „Ja okay, ihr könnt den großen Tisch nehmen, und wenn sechs Leute kommen, müssen die hier oben sitzen.“ Die Geschichte wird noch unverständlicher, wenn man weiß, dass der Stinketisch 7 Plätze hatte.

Dann bestellten wir Getränke. Viele. Eine große Wasserflasche, Wein, hausgemachte Limonade. Als ich fertig war, rollte Marfa mit den Augen, und zwar so, dass ich wirklich fast laut gelacht hätte. Wie eine unfassbare Drama Queen. Dann kam das Gemüse. Ona hatte vorab bereits sondiert und war zu dem Ergebnis gekommen, dass er den Veggieburger ohne Brot, Mayo und Ziegenkäse essen wollte. Es gab keine einzige weitere vegetarische Option, nicht mal einen Salat ohne irgendwas. Marfa rollte wieder die Augen und sagte: „Nein.“ Ona argumentierte, dass sie einfach nur Sachen weglassen müsse, Marfa argumentierte nicht und sagte: „Nein.“ Ich schaltete mich ein und sagte, dass wir eine vegane Option kreieren müssten, er kann keine tierischen Produkte essen. Marfa drehte sich um, sagte „Wir gucken mal in der Küche, was man machen kann“ und brachte 20 Minuten später den normalen Burger. Nun denn. Zum Medium Hangout gehörte auch ein Shop, das Gemüse ging ihn besuchen. In dem Shop gab es: einen alten, nicht vertrauenswürdigen Zigarettenautomaten, frische Eier, einen pinken, glänzenden Mörser, eine kaputte Kaffeemaschine, Sandspielzeug, ein alter Ikea Kinderhochstuhl, Sonnencreme und Zigarillos mit Vanillegeschmack. Die Halogenbeleuchtung war shady, soll ich ergänzen. Zahlen war auch schwierig, sie wollten kein Wechselgeld geben, in keiner Währung, und letztendlich habe ich wirklich sehr gut gegessen, aber das Erlebnis war insgesamt schwierig. Und ich war zweimal mit Frau N. in Wien, ich weiß also, wie man unfreundliche Kellner knackt. An Marfa habe ich mir die Zähne ausgebissen.

1 Gedanke zu „Herzbruch in Curaçao – Teil 3“

  1. Ich bin entzückt! Du erlebst was und nimmst uns alle mit. SFO kann ich ja sehr gut nachvollziehen, obwohl heute alles ganz anders dort aussieht. Und die Kellnerin könnte mal in München gearbeitet haben. Nur so ne Vermutung.

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