Herzbruch auf Curaçao – Teil 2

Es gibt quasi nichts auf der Welt, was ich lieber mache, als in einem guten Meer zu schwimmen. Doch, gibt es, aber das teile ich nicht mit Ihnen. Und dann gibt es natürlich schlechtes Meer, mir fallen sofort mehrere ein. Als wir mit Familie N. bei 42 Grad in Venedig waren und die Kinder umbedingt am Lido schwimmen wollten, konnten wir absolut von einem schlechten Meer sprechen. Das Wasser hatte knapp 30 Grad, war trüb, und darin schwammen Quallen und Grünzeug, das aussah, als hätte man Porree längs geschnitten. Frau N. machte dann irgendwann die Arme über den Kopf, Hände zusammen, und sagte auf Nachfrage, dass sie Buchstabensuppe spiele, sie sei ein A. Dann war das Meer auf Djerba auch schlecht, sehr ähnliche Thematik, nur eigentlich noch schlimmer, wir waren ja in einem Hotel, und dann gab es ein Stück Meer, etwa 50 Quadratmeter, das wir benutzen durften, wenn wir aus dem Meer rausschwammen – und das ist bei mir ein Reflex, das Tolle an Meer ist ja, dass ich mir dann vorstelle, dass es quasi keine Grenzen gibt, komplette Freiheit, ich kann einfach einmal ganz rumschwimmen, dann komm ich überall mal vorbei, und wenn wir jedenfalls aus dem Hotelmeer rausgeschwommen sind, reagierten Männer mit Trillerpfeifen ungehalten, auch so etwas, worauf ich schlecht anspreche. Schlechtes Meer war auch irgendwo in Deutschland, ich glaube, es war am Festland vor Spiekeroog, das war auch trübe und unfrisch, das mag ich nicht.

Das wollte ich aber gar nicht schreiben, Meer-Exegese ist langweilig. Wir halten einfach fest: Ich hänge gerne in guten Meeren rum, lieber als alles andere. Entsprechend war es auch so, dass ich im Februar 2025, zu einem Zeitpunkt, an dem es gar nicht mal so wahrscheinlich war, dass ich überhaupt noch irgendwas erlebe, dem damaligen Operateur bei einer Visite sagte, dass das Ziel sei, dass ich wieder im Meer schwimmen kann. Er antwortete: „Schaumermal“, ich fand das damals etwas unambitioniert, ich gab mir ja auch Mühe. Ich erinnere mich sogar, dass ich bei Freunden in Leipzig irgendwann in den Sommerferien geschwommen bin, im Pool. Es kann nicht anders sein, als dass ich damals noch einen Nierenkatheter hatte, aber eine Erinnerung an diesbezügliche Logistik habe ich nicht, ich habe viel verdrängt aus den letzten 1,5 Jahren. Pool ist natürlich die kleine Schwester von Meer, der Unterschied ist: Man schwimmt in Desinfektionsmittel versus man schwimmt in Fischabfällen. Wenn Bakterienlast etwas ist, was man vermeiden möchte, dann ist Meer nicht die erste Wahl. Entsprechend fand das 2025 nie statt. Ich habe Meere gesehen, aber gut, das ist ja nicht das selbe.

Heute morgen wurde ich wach, also früh, denn ganz im Gegensatz zu den Theorien meiner Liebsten ist Jetlag a real thing. Ich habe das zigmal gemacht, ich kenne das Problem. Und das mag bei Menschen unterschiedlich sein, aber ich kann viel besser nach Westen fliegen, als nach Osten. Westen ist im Prinzip einfach, wir nehmen als Beispiel gestern: Man ist irgendwann um 20 Uhr Ortszeit am Bestimmungsort und totmüde, weil man schon seit 100 Stunden wach und gereist ist, und dann ist nur der Job, nicht zu früh einzuschlafen – eine Theorie, die ich gleich selbst widerlegen werde – und dann geht man um 22 Uhr ins Bett, etwas, was man im echten Leben ja nie geschafft hat, und dann denkt man: Alles top. Jetzt ein bisschen schlafen, und dann ist man ja auf Ortszeit. Das war die Theorie meiner Familie. Mein Körper ist da ja anders. Er hat eine eigene Uhr, und die ist Atom. Immer gewesen. Also lag ich heute morgen um 4 wach im Bett, musste etwas schmunzeln, weil Ona, der ja gar nicht an Jetlag glaubte, zufällig auch um 4 zum Klo musste, naja, und dann entschied ich um 7, dass ich jetzt schwimmen gehen würde. Einer der schönsten Strände von Curaçao ist mit dem Auto 3 Minuten von uns entfernt, meine Theorie war, dass ich schon wieder fertiggeschwommen bin, wenn die anderen, die keinen Jetlag haben, aufstehen. Dann kam es aber so, dass ich die Kaffeemaschine benutzte, und dann waren plötzlich alle wach. Das Gemüse wollte auch schwimmen, und so fuhren wir zum Strand, stellten fest, dass dieser alles bietet, was wir brauchen, nämlich perfekte Erreichbarkeit mit dem Auto, 3 Minuten bis zuhause, es gibt eine Strandbar, die anscheinend auch Essen anbietet, dann gratis Liegen unter Palapas, also Schatten, und dann karibisches Meer, eine kleine Bucht, aus der man aber auch gut rausschwimmen kann, und: eine Pelikanfamilie. Papa, Mama, zwei Kinder, die gemeinsam üben, Fische im Sturzflug zu jagen, und das völlig unbenommen der Tatsache, ob da gerade jemand schwimmt oder nicht. Eine Mutter mit einem vielleicht zweijährigen Kind in einem Schwimmreifen blieb wirklich erstaunlich entspannt, als die Babypelikane mehrfach weniger als einen Meter vom Kind entfernt ins Wasser stürzten. Ich musste einmal spitz aufschreien, weil ich Angst um meinen 2-Meter-Teenager hatte, wobei es wahrscheinlich für den Pelikan alles andere als glimpflich ausgegangen wäre, hätte er Ona mit einem Fisch verwechselt.

Was das Schwimmen in mir ausgelöst hat, behalte ich für mich. Ist ja auch egal. Was ich sagen kann, ist, dass das das Ziel war, wofür ich in den letzten 12 Monaten am Leben geblieben bin. Das klingt krass, ist auch natürlich dann nicht der Grund, dass es geklappt hat, aber ich habe mehr als einmal gesagt: „Ich muss noch in Curaçao schwimmen, bitte einmal das Problem XY lösen.“

Check.

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