29.10.2023

Es gibt ja die gute und die schlechte Zeitverschiebung, für Menschen wie mich ist das jetzt hier gerade die gute Zeitverschiebung. Es ist 19:09 Uhr, und ich zähle die Sekunden, bis ich endlich ins Bett gehen kann. Nun ja, ich bin natürlich erwachsen, ich kann immer alles machen, worauf ich Lust habe, aber manchmal ist es einfach schöner, wenn man mit der Menge schwimmt, und die Menge derer, die nicht in einer Backstube arbeiten, sind jetzt noch ein bisschen wach, ich mache mit.

Heute Mittag, was ja in der Realität heute Morgen war, gab es das Auswärtsspiel, von dem seit Sekunde 1 der Saison klar war, dass es nicht zu gewinnen ist, so wie allen Mannschaften klar ist, dass man dieses Spiel nicht gewinnen kann, der Teenager war aber ganz guter Dinge, man könne ja locker bleiben, es gäbe nix zu gewinnen. Ich selber bin ja eine große Verfechterin des Wettbewerbs, im Zweifelsfall gegen mich selber, also schlug ich vor, er könne sich doch ein Ziel für das Spiel definieren, wenn dieses dann erreicht würde, könnte die Mannschaft sich dann dennoch freuen. Mein Zielvorschlag: nicht mehr als 40 Gegentore, nicht weniger als 10 eigene Tore.

Nun dachte ich, dass beides doch im Bereich des sehr gut Möglichen liegen müsste, die Mannschaft ist nicht mehr so gut in Schuss wie noch in der Qualiphase, als sie Angstgegner waren und plötzlich unschlagbar erschienen, seitdem gab es die ein oder andere demoralisierende Niederlage, aber ein 10:39 hätte ich absolut für möglich gehalten. Nun ja.

Die gegnerische Mannschaft hatte sich gemerkt, dass Ona beim letzten Mal, als sie sich trafen, das Spiel seines Lebens machte, und da der Trainier sehr strategisch interessiert ist, war die Taktik ab Minute 1 klar: Kein Ball für den Lulatsch. Zwei Leute haben sich mit der Manndeckung abgewechselt, und auch mit eigentlich ganz guter Kondition konnte das arme Kind nicht so viel laufen, als wäre es regelmäßig anspielbar gewesen. Es reichte am Ende dann für drei Tore, insgesamt landeten sie bei 9:36, also immerhin ein Teilziel erreicht, für die jungen Egos war das aber nicht schön.

Sehr wohl schön war ein sehr toller Zufall. Nach dem Spiel standen die Eltern im Kreis und warteten auf die Niedergeschlagenen, im Eingangsbereich der Halle, in der ich in meiner Kindheit und Jugend schon sehr viele sehr unschöne Spiele erlebt hatte, wenn ich mal ehrlich bin. Und dann kamen zwei Frauen rein, an die ich an dem Tag schon mehrfach gedacht hatte, die Zwillinge, mit denen ich von 1982 bis 1995 in einer Mannschaft gespielt hatte und die dann noch erstaunlich lange – bis 2010, wie ich eben hörte – Bundesliga gespielt hatten. Nun haben wir uns seit 1995 nicht mehr gesehen, und ich hätte sie auch nicht erkannt, wenn sie nicht nebeneinander gestanden hätten, aber wie viele 47jährige eineiige Zwillinge kann man schon in einer Handballhalle treffen, na gut, vielleicht mehrere, aber mit gutem Willen habe ich sie richtig zuordnen können. Dann großes Hallo, dann der (sportliche) Schnelldurchlauf, dann ein sehr schöner Moment, als die eine der beiden Ona erklärte, wie wichtig und wertvoll auch solche Spiele sind, und was man davon lernen könne, und dass wir auch Saisons gehabt hätten, in denen es so lief, und dann kamen anschließend Saisons, die man zu Null gewonnen hätte, und außerdem wäre es ja auch egal, solange man sich im Team gut versteht, man könne vom Handball eh nicht leben, und dann war das Kind ganz beeindruckt, ich hatte nämlich oft von den Zwillingen erzählt, und dann fuhren wir nach Hause und nächste Woche spielen sie gegen den Tabellenzweiten, da wird das selbstdefinierte Ziel vielleicht so etwas wie „nicht mehr als 30 Gegentore, nicht weniger als 15 eigene Tore“, und dann ist die Hinrunde irgendwann auch mal vorbei, und das ist auch schön. So wertvoll.

Consent Management Platform von Real Cookie Banner