19.01.2023

In einem deutschen Wohnzimmer. Die Eltern kommen nach Hause, die Frau setzt sich an den Esstisch und liest ihre Emails, der Mann macht irgendwas mit Oberhemden und Einkäufen, das Kind liegt mit einem Lateinbuch auf dem Sofa. Auf dem Fernseher läuft ein Handball-WM-Spiel, Deutschland gegen Argentinien. Der Mann stellt sich neben die lesende Frau.

Mann: „Und dann sagte die X heute im Büro dass wir und Digitalisierung und Auto und irgendwas mit Veranstaltung und dann gab es hier diesen Flyer“ (produziert fuchtelnd Flyer) „und dann kann man ja nur noch mit dem Kopf schütteln, es muss sich so viel ändern in diesem Land, das hält man ja im Kopp nicht aus.“

Frau (guckt von ihrem Handy hoch, nickt affirmativ und starrt dann auf den Fernseher): „Hmmmm.“

Mann: „Und da hat sich in den letzten 20 Jahren ja auch gar nichts geändert, nur dass man jetzt neue Wörter dafür hat, was man alles nicht macht, so Wörter wie agil und Flowchart, damit, dass man das jetzt aussprechen kann, ist jetzt aber noch lange nichts gewonnen. Und dann kommt jetzt auch noch so ein Flyer.“ (fuchtelt wieder mit dem Flyer)

Frau (weicht dem Flyer aus, starrt weiter konzentriert und mit einer versteckten Botschaft auf den Fernseher, wo die deutsche Mannschaft einen 7-Meter wirft): „Nein. Nichts gewonnen.“

Mann: „Ich erinnere mich noch an damals, als der Ona gerade geboren war, das hat doch Person X langweilige Aktion Y gemacht, und ich erinnere mich noch, wie wir da damals drüber gesprochen haben. Weißt du noch? Damals haben wir doch gesagt, dass“

Frau: „Passiv-aggressiver kann ich mich nicht mehr verhalten. In 13 Minuten ist das Spiel vorbei. Dann kannst du mir total gerne erzählen, was ich 2009 zu dir gesagt habe. Guck mal da. Handball. Das interessiert dich doch.“

(30 Sekunden Stille)

Frau: „Ona, wenn du morgen aus der Schule kommst, sind wir ja nicht da, aber es steht ganz viel Essen im Kühlschrank, das können wir morgen alles aufessen.“

Kind (starrt auf sein Lateinbuch): „Okay.“

Frau: „Also: Wir haben noch Kohlrouladen, da kannst du dir Reis zu kochen, steht im Schrank. Oder Muckisuppe, kannst du dir Suppennudeln zu kochen, stehen auch im Schrank. Und dann haben wir noch drei Reibekuchen. Wenn du möchtest, kannst du noch Apfelmus dazu nehmen, steht noch ein geöffnetes Glas im Kühlschrank, das ist noch gut, kannst du essen.“

Kind (starrt auf den Fernseher, wo die deutsche Mannschaft wieder einen 7-Meter wirft): „Okay.“

Frau: „Also du sollst jetzt natürlich nicht alles aufessen, wir wollen morgen nicht kochen, weil der Tag so voll ist. Aber du kannst einfach alles essen, was du möchtest, und dann lässt du uns noch irgendwas übrig. Wenn du zum Beispiel die Reibekuchen“

Kind: „Passiv-aggressiver kann ich mich nicht mehr verhalten. In 9 Minuten ist das Spiel vorbei. Dann kannst du mir total gerne erzählen, was ich morgen alles essen soll. Guck mal da. Handball. Das interessiert dich doch.“

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