01.11.2022

Ich schrieb ja gestern noch, also 10 Blogbeiträge ago, dass ich eigentlich in der ganzen Twitter/Musk-Sache recht unpolitisiert sei, aber ich scheine an dem Punkt instabil zu sein, jedenfalls las ich eben eine wirklich sehr peinliche Marktschreier-Geschäftsmannsimulation von Twitters neuem Hausherren, in der er noch ein Scheibchen Wurst drauflegte auf den neuen blauen Bezahlhaken, in etwa so:

Nun machen wir ja alle unterschiedliche Sachen im echten Leben, aber das, was ich zum Beispiel mache, befähigt mich, in unter einer Sekunde zu verstehen, was „paywall bypass for publishers willing to work with us“ bedeutet. Wenn Sie weiterlesen, lasse ich Sie gerne daran teilhaben. Aber ich muss ein wenig ausholen, ich möchte nämlich mit einem anderen sozialen Netzwerk, das ich seit 2014 nicht mehr benutze, beginnen.

2014 schloss eine andere amerikanische Social-Media Plattform von jetzt auf gleich ihre Such-API. Das bedeutete in der Praxis, dass Unternehmen, die im Bereich ich sage mal Media Intelligence tätig sind, einen nicht unbeträchtlichen Teil der täglichen Arbeit nicht mehr machen konnten. Stellen Sie sich das in etwa so vor: Unternehmen, manchmal aber auch Personen, möchten vielleicht einfach nur sehr gerne wissen, was über sie in den sozialen Medien gesprochen wird, und da die Suchschlitze alle so schlecht sind, gibt es wiederum andere Unternehmen, die sagen: „Okay, ich lese das alles und sag dir, was Sache ist“. Und die müssen dann für tausende Unternehmen auf allen möglichen Wegen diese Informationen zusammenfahren, und dann wird das ausgewertet. Ein Großteil dessen geschieht automatisch über eine Schnittstelle, und wenn die plötzlich abgeschnitten wird, kann man halt nicht mehr suchen. So einfach ist das.

Ich arbeitete damals in einem Unternehmen, das auf die offene API angewiesen war, und es fiel in meinen Zuständigkeitsbereich, das Problem umgehend zu lösen, es riefen ja alle ständig an. Es war so, das ist alles lange her und langweilig: Die Plattform hatte sauber gearbeitet, niemand in der gesamten Branche, vom deutschen über internationale bis hin zu den GANZ GROSSEN Anbietern wusste niemand irgendwas, alle waren in Panik, und selbst die Plattform selbst nahm nicht Stellung und vertröstete in jedem etwa täglich wiederkehrenden Telefonat. Man würde sich melden.

Nach etwa drei Monaten kam eine Email, man würde jetzt das neue System ausrollen, ob sie vorbeikommen könnten. Am Telefon könne nichts besprochen werden, aber sie reisen gerne an, aber der CEO muss mit am Tisch sitzen. Der hatte da nicht viel Lust drauf, kam aber dennoch, sonst wäre die Gegenpartei nicht angereist, dann setzten wir uns in einen Raum, während der Präsentation wurde kurz der Desktop projeziert und wir sahen die Ordner mit den Namen aller unserer Wettbewerber, und dann wurde eine Stunde lang vorgeturnt, und am Ende wurden die Konditionen, die im Vorfeld trotz größter Beharrlichkeit nicht genannt werden konnten, mitgeteilt. 25k im Monat, Mindestlaufzeit 3 Jahre. Das sind 900.000 Euro pro Neukunde. Kein Drilldown auf den einzelnen Post, dafür aber die Auswertung *aller* Beiträge *aller* User:innen. Diejenigen von Ihnen, die ein geschlossenes Profil haben, können sich jetzt kurz hinlegen, ich mache mit Twitter weiter. Oder nein, ich ordne das noch eben ein: Eine Social Media Plattform schließt den Zugang zu den Userdaten, gründet eine Tochtergesellschaft und verkauft die dann als Monopolistin an die Leute, deren Geschäftsmodell darauf basiert, dass man diese Daten immer bekommen hat. Als Schmankerl werden die geschützten Daten, die man vorher nicht kriegen konnte, mit in den Topf geworfen. Die vielen, vielen Kund:innen waren natürlich nicht begeistert, dass der damals noch so wichtige Baustein in der Kommunikation nicht mehr beobachtet werden konnte, aber ein großer Teil der Intel Branche schloss den Deal nicht, da der Mondpreis leider zu hoch gegriffen war. Für 10k im Monat hätten alle gekauft.

Zurück zum neuen Geschäftsmodell von Twitter, das ist nämlich ähnlicher, als Sie denken: Wer möchte einen blauen Haken haben? Leute, die wirklich wichtig sind und Leute die denken, sie seien wirklich wichtig. Für alle möglichen Unternehmen und Institutionen ist der Pool derer, die einen blauen Haken haben, sehr verlockend, das ist nämlich auch in großen Teilen die Kohorte „Entscheider“, oder „Multiplikator“. Die will man ansprechen, ich möchte Sie nicht enttäuschen, aber höchstens im FMCG-Bereich sind Sie diejenigen, die angesprochen werden sollen. Permanent wollen immer alle „Entscheider“ ansprechen. Wenn Twitter jetzt seinen blauen Haken bezahlpflichtig macht und als Dankeschön Paywalls umgehen lässt, kommt das ganz große Geld gar nicht von Lieschen Müller mit 100 Follower:innen und einem Ego, das gerne einen blauen Haken hätte. Das Geld kommt von Fox News. Denn die Idee ist ja die: Fox News zahlt Musk 2 Mio Dollar im Jahr, oder 10, oder 100, ist ja auch egal, ist ja nur eine Rechnung auf dem Bierdeckel, dafür, dass sie „zusammenarbeiten“ können. Dafür dürfen alle Menschen, die einen blauen Haken haben, alle Inhalte hinter der Bezahlschranke gratis lesen. Ich habe keine Ahnung, wie viele blaue Haken es auf der Welt gibt, aber wenn wir einfach nur übern Daumen peilen, dass von der Anzahl X vielleicht 70% wirklich in die Kohorte Entscheider und Multiplikatoren fällt, dann kann Musk das ja sehr einfach ausrechnen, was für eine Reichweite in dieser Kohorte er somit theoretisch schafft. So, und wenn ich jetzt ein richtiges Scheißmedium bin, mit einer richtigen Scheißbotschaft, aber ich denke eigentlich, dass meine Botschaft super ist, denn we only want to make America great again, dann zahle ich halt die Zusammenarbeit, und schwups, habe ich Millionen potenzieller Kontakte in der Kohorte, die am allersexiesten ist. Und wieso werden die das alle machen? Ja, auch einfach: Wenn die nämlich Werbung schalten, dann können die ihre Werbung viel teurer verkaufen, weil die ja plötzlich theoretisch von den ganzen Entscheidern gesehen wird.

So. Und darum geht es nämlich bei dem Geschäftsmodell. Damn! Dass mir das nicht eingefallen ist.

7 Gedanken zu „01.11.2022“

  1. Nur irrelevante Werbung ist ja Werbung. Relevante Werbung ist schließlich Information. Wenn die Werbung hinter der Paywall also relevanter wird, und das wird sie automatisch, wenn man die Zielgruppe über die Hakengeschichte so schön scharf abgegrenzt hat, sinkt dann nicht der Anteil der Werbung gegenüber dem der Information? Und Musk hätte gar nicht gelogen? Nicht?

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  2. Sehr interessant, aber einen der Schritte gehe ich noch nicht so ganz mit: Wenn ich jetzt so eine tatsächlich wichtige Entscheider:in mit blauem Häkchen bin, ist doch meine knappste Ressource vermutlich nicht Geld, sondern Zeit. Würde ich die dann auf Fox News ver(sch)wenden, obwohl ich Fox News blöd finde, nur, weil da auf einmal keine PayWall mehr ist?

    Und im Grunde kommt es darauf ja noch nicht einmal an, sondern darauf, ob Fox‘ Werbekunden das glauben. Glauben die das? Wenn sowas funktioniert, könnte BILD im Grunde allen wichtigen Leuten in D ein Gratisexemplar auf die Fußmatte legen und auf dieser Grundlage Werbung verkaufen.

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    • Werbewirkungsmessung und daraus abgeleitet der Preis, der für Werbefläche aufgerufen wird, ist im Großen und Ganzen eine Rechnung mit potenziellen Chancen. Wenn ich ein Plakat in den Hauptbahnhof aufhängen möchte, dann muss ich dafür zahlen, wie viele Leute da am Tag dran vorbeigehen, ganz egal, wie viele von denen auf ihr Handy gucken. Oder wenn ich in der Zeitung eine Anzeige schalte, dann zahle ich dafür, dass alle Käufer die sehen, nicht nur die, die auch tatsächlich Seite 12 aufschlagen. Vieles ist nicht 1:1 messbar, und potenzielle Kontakte sind die Währung. Daher: Ja, absolut, aber dennoch wird die Chance, dass Inhalte gesehen werden, potenziell größer, und das kann monetarisiert werden. Nach einem Jahr wird dann ausgewertet, ob die Seiten auch wirklich mehr Zulauf haben, und zwar von Leuten, die die Paywall mit ihrer Twittermagic umgehen können, und dann weiß man mehr. Was momentan allerdings schon Gold wert ist, ist allein der theoretische Zugang.

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  3. @lauycuttlefish: deshalb bekam man früher kostenlose Tageszeitungen als Fluggast vor die Füße geworfen: weil sich das für Werbekunden bezahlt machte von Geschäftsreisenden die mal eine Stunde nichts anderes tun können gelesen zu werden. Deshalb laufen auch Nachrichtensender in Airport Lounges: weil es die Werbekunden freut.

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